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Das soziale Tier

Das soziale Tier

Titel: Das soziale Tier Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: David Brooks
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da sie keine Fehler machen und nicht als Dummköpfe dastehen wollen.
    Ms. Taylor sagte Harold, er solle alles, was er bislang gelesen habe, noch einmal durchgehen – beginnend mit dem Buch von Edith Hamilton, das ihm sozusagen die Tür zum antiken Griechenland geöffnet hatte. Ms. Taylor wollte, dass er das erworbene Wissen automatisierte. Das menschliche Gehirn ist so ausgelegt, dass es Wissen, das durch gezielte Willensanstrengung erworben wurde, in Wissen verwandelt, das jederzeit mühelos abgerufen werden kann. Wenn man zum ersten Mal ein Auto fährt, muss man bewusst an jede Handbewegung denken. Aber nach ein paar Monaten oder Jahren wird das Autofahren zu einem Automatismus. Lernen besteht darin, Fertigkeiten und Wissensbereiche, die zunächst fremd sind und nur unter starker Willensanstrengung erworben werden können, durch stetiges Üben so zu verinnerlichen, dass sie zu Automatismen werden. Dadurch wird das Bewusstsein entlastet, sodass es sich mit neuen Dingen beschäftigen kann. Alfred North Whitehead sah in diesem Lernprozess einen Eckpfeiler des menschlichen Fortschritts: »Der Fortschritt der Zivilisation beruht darauf, dass wir immer mehr Operationen ausführen können, ohne darüber nachdenken zu müssen.« 19
    Automatisierung wird durch Wiederholung erreicht. Als Harold seine Bücher über Griechenland zum ersten Mal durchlas, machte ihn das nur oberflächlich mit dem Thema vertraut; erst beim zweiten, dritten und vierten Durchgang wurden die Informationen tief in seinem Gehirn verankert. Ms. Taylor hatte ihren Schülern immer wieder eingebläut, dass es viel ergiebiger sei, einen bestimmten Stoff an fünf Abenden hintereinander jeweils ein bisschen durchzuarbeiten, als ihn in einer langen Sitzung am Vorabend einer Prüfung lernen zu wollen. (Doch auch wenn sie diesen Rat noch so oft wiederholte – das war eine Lektion, die ihren Schülern einfach nie in Fleisch und Blut überging.)
    Ms. Taylor wollte, dass Harold in einen optimalen Lernrhythmus zurückfiel. Ein Kind in einem Spielzimmer weiß instinktiv, wie es seine Umgebung am besten erkundet. Es beginnt bei seiner Mutter und wagt sich dann fort von ihr, auf der Suche nach neuen Spielsachen. Danach kehrt es zur Mutter zurück, die ihm Geborgenheit vermittelt, und wiederholt dann seine winzigen Ausflüge. Im Anschluss kehrt es abermals zur Mutter zurück, ehe es erneut die Umgebung erkundet.
    Das gleiche Prinzip gilt für den Wissenserwerb in der Highschool und weiterführenden Bildungseinrichtungen. Richard Ogle, der Autor des Buches Smart World, nennt diesen Prozess Vorstoß und Rückzug. 20 Man beginnt mit dem Grundwissen auf einem Gebiet, wagt sich dann darüber hinaus und erkundet und lernt etwas Neues. Dann zieht man sich zurück und integriert das neue Wissenselement in den vorhandenen Wissensfundus. Anschließend begibt man sich wieder ins Neuland und zieht sich danach abermals zurück: Vorstoß und Rückzug. Wieder und Wieder. Zieht man sich zu sehr zurück, gerät man in öde Routinen. Wagt man sich zu weit vor, verzettelt man sich und die Bemühungen bleiben fruchtlos. Ms. Taylor wollte Harold in diesen Rhythmus von Expansion und Integration hineinbringen.
    Harold stöhnte, als sie ihm sagte, er solle alles noch einmal lesen. Er dachte, es würde ihn zu Tode langweilen, wenn er sich dieselben Bücher, die er bereits durchgearbeitet hatte, noch einmal vornehmen würde. Verblüfft stellte er dann jedoch fest, dass er beim zweiten Durchgang das Gefühl hatte, andere Bücher zu lesen. Ihm fielen ganz andere Punkte und Argumente auf. Sätze, die er markiert hatte, erschienen ihm jetzt völlig belanglos, während ihm Sätze, die er früher nicht weiter beachtet hatte, äußerst wichtig vorkamen. Die Randbemerkungen, die er für sich selbst niedergeschrieben hatte, schienen ihm nun peinlich schlicht. Entweder er hatte sich verändert oder die Bücher.
    Was war geschehen? Die abermalige Lektüre hatte, ohne dass ihm dies bewusst wurde, die in seinem Gehirn gespeicherten Informationen neu geordnet. Dank einer ganzen Reihe interner Verknüpfungen wurden andere thematische Aspekte wichtig, während alte Aspekte, die zuvor faszinierend geschienen hatten, uninteressant geworden waren. Er hatte begonnen, sich das gelernte Wissen auf andere Weise verfügbar zu machen und es in neuer Weise zu sehen. Er hatte begonnen, Sachverstand zu entwickeln.
    Harold war selbstverständlich kein Experte auf dem Gebiet der altgriechischen Geschichte, und er hätte

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