Das verlorene Land
Blocks weiter.«
Julianne war kalt, trotz ihrer Gore-Tex-Jacke. Der Gedanke an einen warmen, trockenen Ort kam ihr im Moment verlockender vor, als eine Reise zu den Virgin Islands es jemals gewesen war.
»Klingt gut. Sehen wir doch mal nach, ob dieses Gebäude hier ein Penthouse besitzt.«
»Möge Gott mich eines Besseren belehren, aber das Schlimmste am Ende der Welt ist, dass nirgendwo eine gute Tasse Tee aufzutreiben ist, wenn ich sie nötig habe. Ich könnte eine ganze Kanne Twinings vertilgen.«
Eine Hand in die Hüfte gestemmt, lehnte Julianne an dem frei stehenden Arbeitstresen aus schwarzem Granit in der luxuriös ausgestatteten Küche. Auf ihrem Gesicht war die Enttäuschung deutlich abzulesen.
Das Gebäude verfügte nicht über ein einzelnes Penthouse, aber die Apartments im obersten Stock waren deutlich größer als die darunter liegenden, da es insgesamt nur vier waren. Rhino hatte versucht, die Tür der erstbesten Wohnung einzutreten, aber die schien mit speziellen Stahlbeschlägen gesichert zu sein, die tief in der Wand versenkt worden waren. Seine schweren Stiefel prallten von der Holztür zurück, der heftige Tritt zeigte keinerlei Wirkung. Die Tür des nächsten Apartments hingegen gab schon nach dem zweiten Tritt nach, und der Türrahmen splitterte und brach. Es krachte furchtbar laut im Treppenhaus, aber verglichen mit dem Lärm draußen in den Straßen, den Explosionen und dem Kanonendonnern zwei Meilen entfernt war es geradezu lächerlich.
Die beiden Schmuggler tauchten in die dunkle Diele ein und betraten dann ein weitläufiges Wohnzimmer. Es war ziemlich deutlich zu spüren, dass hier seit Jahren kein Mensch mehr seinen Fuß hereingesetzt hatte. Nachdem sie die zerborstene Eingangstür mit einem aufrecht dagegengestellten Sofa gesichert hatten, konnten sie es sich für ein paar Stunden bequem machen. Sie schlossen die Vorhänge, damit sie ein batteriebetriebenes Campinglicht einschalten und den Gaskocher anzünden konnten. Dann suchten sie in den Küchenschränken nach brauchbaren Dingen, und wieder einmal sah Julianne sich mit den barbarischen Sitten der Amerikaner konfrontiert, seien es nun reiche oder arme.
»Die haben tatsächlich keinen gottverdammten Tee im Haus«, klagte sie.
Rhino lachte amüsiert vor sich hin.
»Es gibt jede Menge abgestandenen Kaffee. Oder Trinkschokolade. Genügt das denn nicht?«
»Schauen wir mal nach«, sagte sie und nahm die Blechdose entgegen, die er ihr hinhielt. Es war eine 330-Gramm-Packung Bio-Dagoba-Kakao. Julianne verdrehte die Augen. »Na ja, der dürfte wohl kaum an ›Vosges La Parisienne Couture‹-Kakao heranreichen, aber wir können ihn ja mal probieren. Immerhin ist er noch vakuumverpackt.«
Während Rhino sich daranmachte, in einem kleinen Topf Wasser aus seiner Trinkflasche heiß zu machen, zog Julianne die Vertragsunterlagen aus ihrem kleinen Rucksack. Darunter befanden sich ein Auftragsbrief von Samuel Rubins Anwalt in Seattle, der sie berechtigte, sein New Yorker Apartment zu betreten und dort alle Dokumente mitzunehmen, die belegten, dass er der Besitzer des neu erschlossenen »Sonoma Sunset« Gas- und Ölvorkommens war. Außerdem genaue Planskizzen des Apartments und die Beschreibung, wie man an den versteckten Safe in der Bibliothek herankam; außerdem geheime militärische Karten und Satellitenbilder der Upper East Side von Manhattan, wo Rubins New Yorker Residenz lag. Des Weiteren fand sie die Beglaubigungsschreiben, die sie als Angehörige des Räumungskommandos von Manhattan auswies. Sie wollte sie schon wegwerfen, sie brauchte sie ja nicht mehr, aber dann behielt sie die Zettel doch lieber bei ihren Unterlagen. Die New Yorker Sperrzone hatten sie nur betreten dürfen, weil sie dem Räumungskommando angehörten, und angesichts der unberechenbaren Entwicklungen in den letzten vierundzwanzig Stunden könnten sich diese Papiere womöglich als sehr wichtig herausstellen. Vielleicht kamen sie ohne derartige Beglaubigungen gar nicht mehr aus New York heraus. Natürlich würden
sie keinen F-16-Kampjet davon abhalten, Bomben auf sie zu werfen, wenn sie versehentlich für feindliche Kämpfer gehalten wurden, aber wenn sie mit den US-Truppen zusammentrafen, mussten sie etwas vorweisen können, das ihre Anwesenheit in der Stadt erklärte.
Natürlich war das, was sie gerade taten, illegal. In einer Sperrzone durften sie sich nicht aufhalten, und Rubins Brief würde einen übereifrigen Bürokraten kaum davon abhalten, ihnen ins
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