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Das zweite Königreich

Das zweite Königreich

Titel: Das zweite Königreich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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der König war gestern wie so oft zur Jagd geritten, und für den ausgesuchten Kreis derer, die an der hohen Tafel saßen, Rehrücken.
    In diesen Genuß kamen Cædmon, Etienne und die anderen jungen Leute nicht, aber sie fanden keinen Grund zu klagen. Nach dem Essen entschuldigte Aliesa sich und ging zu ihrem Bruder. Sie setzte sich neben ihn, und sie steckten die Köpfe zusammen.
    »Ist Roland nicht hier?« erkundigte sich Etienne.
    Cædmon wischte sein Speisemesser an einem Stück Brot sauber, steckte es ein und verzehrte das Brot. »London«, antwortete er mit vollem Mund.
    Ralph Baynard, Rolands Vater, kommandierte die Stadtwache der großen Handelsmetropole und konnte ebensowenig auf seine Söhne verzichten wie Guillaume fitz Osbern – sehr zu Rolands Verdruß, der großen Gefallen am Hofleben fand, vor allem an der Jagd.
    Etienne streckte die langen Beine unter dem Tisch aus. »Gott, ich bin erledigt. Furchtbare Schinderei, das Reiten … Was machen unsere Prinzen? Ich wette, Lucien macht ihnen das Leben bitter.«
    Cædmon nickte. »Er gibt sich alle Mühe. Und sie machen sich prächtig. Alle beide. Was denkst du, Etienne … Glaubst du, Richard wird der nächste König von England?«
    Etienne hob verblüfft den Kopf. »Was für ein seltsamer Gedanke. König William kann nicht viel älter als vierzig sein.«
    »Ich meinte ja auch nicht morgen.«
    Etienne zuckte kurz mit den Schultern. »Nun, Robert ist der Älteste.«
    »Aber er ist noch niemals in England gewesen. Ich frage mich manchmal, ob William vorhat, sein Erbe zu teilen. Die Normandie für Robert, England für Richard.«
    »Wer weiß. Es wäre denkbar, und du hast schon recht, es ist eigenartig, daß er Robert nie mit herbringt. Warum beschäftigt diese Sache dich so?«
    Cædmon winkte ab und hob seinen Becher. »Ich verbringe den halbenTag mit den Prinzen. Wahrscheinlich denke ich deshalb viel über sie nach.«
    »Was macht der kleine Henry?« erkundigte sich Etienne. Königin Matilda hatte kurz nach ihrer Ankunft und Krönung in England letztes Jahr noch einen Sohn geboren. Der erste normannische Prinz, der in England zur Welt gekommen war.
    »Er ist gesund und läuft«, wußte Cædmon zu berichten. Und bei dem Gedanken an den kleinen Henry kam ihm die Frage in den Sinn, ob sein eigenes Kind inzwischen vielleicht auch zur Welt gekommen war. Das letzte Mal war er kurz vor Weihnachten zu Hause gewesen, und da hatte sie ihm gesagt, sie sei schwanger. Man konnte es kaum sehen, aber das war immerhin ein halbes Jahr her …
    »Cædmon!« Etienne stieß ihn lachend in die Seite. »Bist du taub?« »Entschuldige. Was hast du gesagt?«
    Etienne winkte ab. »Nicht so wichtig.« Er sah seinen Freund forschend an. »Irgend etwas bedrückt dich, ich habe es gleich gemerkt. Was ist es?«
    Cædmon war erschrocken. »Nichts. Gar nichts.«
    »Na schön. Dann bin ich beruhigt. Schick nach der Laute, ja? Spiel etwas für uns.«
    Cædmon sandte einen Pagen in sein Quartier, der ihm nach wenigen Minuten den blankgewetzten, nachgedunkelten Lederbeutel mit dem Instrument brachte.
    Die Halle hatte sich merklich geleert. William, Matilda, die Prinzen und Prinzessinnen hatten sich früh zurückgezogen, und auch die übrige Gesellschaft löste sich jetzt schnell auf.
    Cædmon stand auf und ging an einen Platz näher beim Feuer, damit er ein bißchen Licht hatte. Dann stimmte er leise, den Kopf konzentriert über den birnenförmigen Korpus gebeugt, ehe er anfing zu spielen.
    Wie so oft wenn er die Laute zur Hand nahm, überkam ihn eine eigentümlich heftige Sehnsucht nach Wulfnoth. Seit der Eroberung war Cædmon nicht mehr in der Normandie gewesen, trotz seiner eindringlichen Bitten hatte William immer Gründe gefunden, ihn in England zurückzulassen. Darum hatte er Wulfnoth seit beinah drei Jahren nicht mehr gesehen. Er spielte all die schlichten, englischen Weisen, die er zu Anfang von ihm gelernt hatte, und als seine Finger richtig warm waren, stimmte er die komplizierteren, normannischen Lieder an.
    Etienne blieb eine Weile bei ihm sitzen und lauschte –; er war seitjeher ein geduldiger Zuhörer gewesen. Aber schließlich stand er auf und machte eine gemächliche Runde, sprach eine Weile mit seiner Frau und ihrem Bruder und ging dann weiter, um andere Freunde zu begrüßen.
    Cædmon hatte ganz und gar nichts dagegen, für sich allein zu spielen, er tat es gern und oft. Er hatte eine Gabe, vollkommen in der Musik zu versinken, und das wußte er zu schätzen, denn sie war

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