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Das zweite Königreich

Das zweite Königreich

Titel: Das zweite Königreich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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Wieso glaubst du, er hat diesen Gorm auf Bruder Oswald gehetzt?«
    »Weil Gorm immer auf Dunstans Geheiß handelt. Dunstan hat ihm beim Fall von Lincoln das Leben gerettet und …«
    »Dunstan war in Lincoln?« fragte Cædmon entgeistert. »Nur gut, daß wir uns nicht begegnet sind.«
    »Dunstan war überall dort, wo es Aufstände gegen den König gegeben hat, Cædmon. Er ist besessen von dem Gedanken, die Normannen aus England zu verjagen. Es ist das einzige, was ihn wirklich interessiert.«
    »Und er ist Herewards rechte Hand?« tippte Cædmon.
    Guthric dachte einen Augenblick nach. »Eher so etwas wie der Oberste seiner Housecarls. Gorm ist nicht der einzige, der ihm blind ergeben ist. Dunstan ist ein begnadeter Anführer, aber er braucht einen Herrn, dem er dienen kann.«
    »Einen Ringgeber«, murmelte Cædmon.
    Guthric sah verblüfft auf und nickte dann. »Du hast recht. Dunstan träumt von der Welt der alten Lieder. Von einer Halle voll trinkfester Kerle, die einem Kriegsherrn dienen, der ihre Tapferkeit mit Gold und Ringen belohnt.«
    Cædmon schüttelte seufzend den Kopf. »Ich frage mich, ob die Welt je wirklich so einfach war.«
    »Weißt du, die Welt ist immer nur in dem Maße kompliziert, wie man in der Lage ist, sie zu begreifen.«
    »Oh, Guthric. Wie du mir gefehlt hast. Niemand hätte schöner sagen können, daß unser Dunstan noch nie der Allerhellste war.«
    Sie lachten. Die Deckenwölbung warf den Klang ihrer jungen, kräftigen Stimmen zurück und verstärkte ihn, und Cædmon glaubte für einen Moment, er habe aus dem Augenwinkel eine Bewegung erhascht. »Bruder Oswald?« Er legte die Hand auf die Schulter des bewußtlosen Mönchs und sah Guthric an. »Hat er sich gerührt?«
    »Ich weiß es nicht. Aber sieh nur.« Guthric zeigte mit dem Finger. »Er schluckt.«
    Mit neuem Eifer nahmen sie ihre Bemühungen wieder auf. »Soll ich ihn aufrichten?« fragte Guthric.
    »Nein, lieber nicht. Er sollte möglichst ruhig liegen, bis er aufwacht. Dazu ist Bewußtlosigkeit da, damit der Körper stilliegt und sich selbst heilt.«
    »Ich habe nie gewußt, daß du so viel von Mutter gelernt hast.«
    »Hab’ ich auch nicht. Das hat mir alles ein normannischer Feldscher beigebracht. Alles in einer Nacht.«
     
    Gorm, der Goliath, erschien am nächsten Vormittag, winkte Cædmon mit einem Finger zu sich und führte ihn ins Refektorium, den Saal des Klosters, der einer Halle am ähnlichsten war, denn dort wurden die Mahlzeiten der Brüder zubereitet und eingenommen. Jetzt waren allerdings keine Mönche dort. Vielleicht zwei Dutzend Männer saßen an den langen Tischen oder standen in kleinen Gruppen zusammen und redeten. Trotz der schwülen Hitze draußen brannte ein Feuer, über dem ein gewaltiger Kessel hing. Helles Sommerlicht fiel durch die kleinen Fenster auf staubige Holzdielen. Zwei halbwilde Köter rauften knurrend um einen Knochen.
    Hinter dem Tisch an der Stirnseite, an dem Platz, der für gewöhnlich dem Abt vorbehalten war, stand ein vielleicht fünfundzwanzigjähriger Mann mit einem dichten Schnurr- und kurzen Kinnbart. Er trug ein beinah blankes Kettenhemd, aber keinen Helm – seine schulterlangen, dunkelblonden Haare waren unbedeckt. Er war fast einen Kopf kleiner als Dunstan, der an seiner rechten Seite stand, ein wenig untersetzt und vierschrötig, er wirkte massig. Eine längliche Narbe begann knapp über dem linken Augenwinkel und verschwand unter dem Haaransatz. Ein unauffälliges, eher bäuerlich derbes Gesicht. Doch als Cædmon ihm in die Augen sah, verstand er, warum ausgerechnet dieser Mann zum Anführer des englischen Widerstands geworden war, warum so viele Männer ihm so willig in seinem heldenmütigen, aber doch wenig aussichtsreichen Kampf beistanden, ohne daß er ihnen Land und Gold versprechen konnte. Es waren fesselnde Augen, die man nie vergaß, wenn man sie einmal gesehen hatte. Ihr Blick war scharf und durchdringend, es war nicht leicht, ihm lange standzuhalten. Aber das eigentlich Unvergeßliche war ihre Farbe: eins grün, eins blau. Feenaugen.
    Cædmon nickte höflich. »Hereward der Wächter.«
    Nur die Feenaugen zeigten den Anflug eines Lächelns, das Gesicht blieb unbewegt. »Wißt Ihr, warum sie mich so nennen?«
    »Weil Ihr über das englische Volk wacht, nehme ich an.«
    Hereward verzog einen Mundwinkel. »Ein rührendes Bild. Nun, in gewisser Weise tue ich das, Ihr habt nicht unrecht. Aber tatsächlich gab man mir den Namen, als ich vor drei Jahren aus Flandern heimkehrte.

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