Dave Duncan
erschreckt hatte, aber die funkelnden Augen und die Adlernase schienen ihr jetzt nicht mehr bedrohlich, obwohl sie soeben Zeugin ganz offensichtlicher Zauberei geworden war. Sie fragte sich, ob das daran lag, daß sie älter geworden war, oder ob sie einfach noch durch die Ereignisse des Tages betäubt war.
»Mein Beileid, Ma’am«, sagte er. »Eurer Vater war mir in den vergangenen Jahren ein guter Freund, und ich traure um ihn. Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan.
Sie nickte und traute sich nicht zu sprechen.
Sagorn machte es sich auf einem Stuhl neben Kades Sofa bequem und auch alle anderen setzten sich; Little Chicken setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und machte ein äußerst finsteres Gesicht, als er versuchte, der Impischen Sprache zu folgen.
»Ich nehme an, Ihr erwartet eine Erklärung?« fragte der alte Mann. »Bitte«, erwiderte Inos. »Das war ein unkonventioneller Auftritt.«
Er lächelte sie kurz mit seinem schmallippigen Lächeln an. »Ihr seid nicht mehr die junge Dame, die bei Erzählungen über gelbe Drachen in Panik geriet. Kinvale hat Wunder an Euch vollbracht. Kann Andor ein wenig davon für sich geltend machen?«
Er versuchte, sie zu beherrschen. »Die Erklärung bitte.«
»Nun gut.« Er wandte sich an Rap. »Eure Vermutung kam bemerkenswert nah an die Wahrheit, junger Mann. Es gibt fünf von uns – mich, Andor, Talon, Darad und Thinal, den Ihr noch nicht kennengelernt habt. Vor vielen, vielen Jahren haben wir einen mächtigen Zauberer erzürnt. Er hat uns mit einem Bann belegt, einem Fluch. Nur einer von uns kann zur selben Zeit existieren. Das ist alles.«
»Aber Ihr seid verschiedene Personen?« Wie immer, wenn er intensiv nachdachte, runzelte Rap ganz furchtbar die Stirn.
»Völlig verschieden. Andor und Thinal waren Brüder, wir anderen waren nur Freunde. Bis zu jenem schrecklichen Abend haben wir uns nie kennengelernt. Wir teilen dieselbe Existenz und sogar dieselben Erinnerungen. Wie seid Ihr übrigens den Kobolden entkommen?«
Rap antwortete nicht. »Ein sehr praktischer Fluch! Ihr könnt kommen und gehen, wie Ihr es wollt–
»Nein! Ein furchtbarer Fluch!« Sagorn funkelte wütend mit den Augen. »Wir suchen schon länger nach Erlösung, als Ihr glauben würdet. Nehmt zum Beispiel Darad. Würdet Ihr gerne mit den Erinnerungen dieses Mannes leben? Mord und Vergewaltigung? Er ist wahnsinnig, grausamer als ein Kobold. Und wir kommen und gehen nicht, wie wir es wollen, sondern nur wenn wir gerufen werden. Niemand von uns ruft gerne Darad herbei, also kann es Jahre dauern, bis er erneut existiert – aber wenn er erscheint, wird er immer noch einen verbrannten Rücken haben und einen angeschlagenen Kopf und ein wundes Auge und einen gebrochenen Arm. Ich hoffe, daß dann keiner von Euch in seiner Nähe ist.«
»Und natürlich wird er nicht gefesselt sein?«
»Nicht, wenn derjenige, der ihn ruft, nicht gefesselt ist.«
Alle dachten einen Augenblick lang nach.
»Vater sagte, ich könne Euch vertrauen«, sagte Inos, »oder manchmal auch Thinal. Wer ist Thinal?«
»Thinal? Er war unser Anführer.« Der alte Mann verzog seine blutleeren Lippen zu einem Lächeln. »Ja, auf seine Weise ist er vertrauenswürdig, solange nichts Wertvolles in der Nähe liegt – wie zum Beispiel eine Rubinbrosche.«
»Er hat meine Brosche gestohlen?«
»Er kann wie eine Fliege eine gerade Wand hinaufklettern. Für Andor zog er auch dem Stallknecht die Schlüssel vom Gürtel. Bei solchen Gelegenheiten ist er uns gefällig, aber er sieht das Stehlen auch als Sport. Er ist nicht nur geschickt mit den Fingern, sondern immer auch für praktische Witze zu haben, aber er hat eine persönliche Regel, daß er immer denjenigen wieder zurückruft, der ihn gerufen hat, und in dieser Hinsicht vertrauen wir ihm. Ich kann jederzeit einen der anderen rufen, aber ich habe keine Kontrolle darüber, was derjenige dann tut oder wen er als nächsten rufen wird.«
»Diesen Gedanken finde ich ziemlich verwirrend, Doktor.« Bei Tante Kade konnte man sich immer darauf verlassen, daß sie heftig untertrieb, wenn es nötig wurde. »Erzählt uns, wie Ihr gekommen und gegangen seid. Mein Bruder hat Euch letzten Sommer rufen lassen?«
Mit ihr sprach er respektvoller und ließ seinen Blick gleichgültig über das Durcheinander schweifen. »Jawohl, Ma’am, und es war Jalon, der die Botschaft erhielt. Er beschloß, dem Ruf zu folgen und nahm ein Schiff nach Krasnegar. Das war ein bemerkenswerter Erfolg für
Weitere Kostenlose Bücher