Dave Duncan
vielleicht gar nicht so erstaunlich, daß diese merkwürdige Gruppe von unsichtbaren Männern danach trachtete, von ihrem Fluch erlöst zu werden.
»Aber dieses Wort der Macht, das Ihr – Andor – von der Frau in Fal Dornin erfahren habt? Es hat den Bann nicht gebrochen?«
Sagorn starrte auf den Boden und schüttelte den Kopf. »Nein. Eins ist nicht genug. Vielleicht brauchen wir drei oder auch vier. Und als wir dann ein Wort kannten, trauten wir uns nicht mehr, uns einem Zauberer zu nähern, denn Zauberer suchen ständig nach neuen Worten.« Er erhob sich steif. »Die Imps werden bald zur Axt greifen. Ich kann nur langsam Treppen steigen, also sollten wir vielleicht anfangen?«
»Womit anfangen?«
»Hinaufzusteigen«, sagte er. »Wir müssen uns in die Kammer der Macht oben im Turm begeben.«
»Warum?«
In einer triumphierenden Grimasse entblößte er seine unregelmäßigen Zähne. »Um das magische Fenster zu befragen, natürlich.«
Faithful found:
So spake the Seraph Abdiel, faithful found
Among the faithless, faithful only he:
Among innumberable false, unmoved,
Unshaken, unseduced, unterrified,
His loyalty he kept, his love, his zeal.
Milton, Paradise Lost
(Treu ergeben:
So sprach der Seraph Abdiel, treu ergeben
Unter Treuelosen, er als einz’ger treu:
Inmitten all des Falschs steht er, unbewegt und
Unerschüttert, unschuldig und unerschrocken,
Seine Treue hielt er hoch, seine Liebe, seinen Glauben.)
Zehn
Unwirkliches Schauspiel
1
Rap konnte sehen, daß Inos diesen Vorschlag nicht erwartet hatte, denn ihr Gesicht wurde rot vor Zorn. Er versuchte, sie nicht anzusehen, denn wenn er das tat und ihre Blicke sich trafen, würde er sicher sofort rot werden. Dann würde er völlig verlegen werden, wüßte gar nicht mehr, wohin mit seinen Händen, würde sich fragen, ob sein Haar unordentlich war – das war es natürlich immer… Also tat er, als würde er sie nicht ansehen.
Seine Sehergabe konnte er aber nicht von ihr abwenden. Inos war wundervoll!
Was waren das doch für Dummköpfe, diese ganzen dummen alten Männer! Warum hatten sie nicht gesehen, was für eine phantastische Königin sie sein würde? Sie war bis in die Fingerspitzen eine Königin, wirkte selbst in diesen verdreckten, alten Kleidern noch adelig und königlich. Im Wald war er von ihrer Schönheit beeindruckt gewesen. Seine Ehrfurcht vor ihr hielt immer noch an, doch jetzt konnte er ihre Anmut erspüren, ihre königliche Haltung, ihre majestätische Erhabenheit. Der Tod ihres Vaters hatte sie nicht gebrochen, ebensowenig die schreckliche Furcht und Enttäuschung, die er, Rap, ihr hatte zufügen müssen, als er Andor entlarvte.
Jede geringere Frau hätte ihn dafür verantwortlich gemacht, hätte ihn verflucht und zurückgewiesen. Nicht so Inos! Sie hatte königlichen Mut und keine Angst vor seiner Sehergabe wie all seine anderen Freunde.
Kinvale hatte sie verändert. Sie war nicht mehr das Mädchen, mit dem er aufgewachsen war, die Spielgefährtin seiner Kindheit. Das machte ihn ein wenig traurig.
Aber er hatte immer gewußt, daß sie seine Königin werden würde, nicht… nicht irgend etwas anderes. Er hatte gesagt, er werde ihr dienen, also würde er es auch tun, und er wäre stolz darauf. Und jetzt war er stolz darauf, wie sie sich dem zähen alten Doktor widersetzte, mit seiner höhnischen Art und den dummen Witzen über Zauberer.
»Mein Vater würde das nicht zulassen!« stellte sie wütend fest. »Äh, ja, die Spionin«, erwiderte Sagorn unwirsch. »Ihr habt mehr gehört, als Ihr zugegeben habt, nicht wahr?«
Inos wurde noch dunkler und sah ihn zornig an. Rap merkte, wie er innerlich kochte, und er wünschte, er könnte diesen unheimlichen alten Gelehrten davon abhalten, seine Königin zu beleidigen. Was immer der König auch über seine Vertrauenswürdigkeit gesagt hatte, Sagorn hatte Rap offensichtlich an Andor verraten.
Er bewegte sich in Richtung Tür. »Euer Vater, mein Kind, sah sich damals auch keiner Armee von impischen Killern gegenüber. Also, habt Ihr mich um Rat gefragt oder nicht?«
Inos biß die Zähne zusammen, doch offensichtlich würde sie nachgeben und Sagorn in den Turm lassen. Dort oben lag eine Leiche, und Inos hatte schon genug durchgemacht, ohne das sehen zu müssen. Rap beeilte sich, die Treppe als erster zu erreichen, und Little Chicken rappelte sich hoch und folgte ihm.
Der Raum über ihnen lag in trübem Licht, und die Flamme einer einzigen Kerze warf riesige
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