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Dein Name

Titel: Dein Name Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Navid Kermani
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Prahlereien man sich im ganzen Land erzählte. Lutis, das waren Vagabunden, die sich in den Basaren als Geschichtenerzähler, Magier, Gelegenheitsarbeiter und Bürgerwehr durchschlugen. Die persische Literatur hat ihnen viele Geschichten und Romane gewidmet, Großvater nicht. Er schaffte es an die Amerikanische Schule, blieb jedoch ohne den Abschluß, der ihm wahrscheinlich eine rasante Karriere beschert hätte, ein Studium, das Stipendium für Europa, eine herausgehobene Stellung im Staat oder eine Professur. Er bestand die schwierige Aufnahmeprüfung am Kolleg für Politische Studien und nahm sich mit zwei Kommilitonen, die ebenfalls aus Isfahan stammten, eine Wohnung (ich nenne nur noch ungefähr jeden zwanzigsten Namen, den Großvater anführt). Sie leisteten sich einen alten Mann als Koch, der früher einmal in vornehmen Küchen gestanden hatte und nun in der Mittagspause zu Hause mit dem Essen auf sie wartete. Es war ein bequemes Studentenleben, dessen Gleichmaß selten gestört wurde. Lange währte es nicht. Der Grund, die Ausbildung zum zweiten Mal abzubrechen, klingt nicht viel plausibler als beim ersten Mal: Großvater war auf dem Weg ins Kolleg, als er einen Bekannten traf, der aufgeregt berichtete, daß die Hauptstadt angegriffen werde und die Spitzen des Staates nach Isfahan flöhen. Auch sie sollten Teheran sofort verlassen. Ohne noch einmal in seine Wohnung zu gehen, ohne Gepäck, folgte Großvater dem Bekannten zum Kanonenhausplatz, wo sie die nächste Kutsche nach Isfahan nahmen. Großvater erwähnt nicht, welche Truppen angeblich Teheran angreifen wollten, wie er überhaupt alle politischen Dramen übergeht, die sich während seiner Jugend ereigneten, die Konstitutionelle Revolution von 1906, der anschließende Kampf um die Verfassung und 1908 der Ausbruch des Bürgerkriegs, in dessen Folge die Spanische Grippe nach unterschiedlichen Angaben elf bis fünfundzwanzig Prozent der iranischen Bevölkerung dahinraffte – elf bis fünfundzwanzig Prozent! Nicht einmal die Epidemie erwähnt Großvater, obwohl elf bis fünfundzwanzig Prozent Tote unter allen Iranern sein Leben doch tangiert haben müssen, erwähnt nicht einmal Jahreszahlen. Daher kann ich auch hier nur vermuten, vor welchen Truppen er nach Isfahan floh, zumal sich die Nachricht als Ente entpuppte, wie Großvater nachträgt: 1911 besetzten russische und britische Truppen die Städte im Norden und Süden Irans. 1915 drangen die Osmanen in den Westen Irans ein und lieferten deutsche Agenten Waffen an aufständische Nomaden im Süden. Die Russen führten ihre Soldaten bis dreißig Kilometer an Teheran heran, ohne auf Widerstand zu stoßen. Geschwächt, wie der iranische Staat war, hatte er kaum etwas entgegenzusetzen. Die Hungersnot der Jahre 1918 und 1919 dezimierte die Bevölkerung im iranischen Norden um ein weiteres Viertel. 1920 erklärten sich die nördlichen Provinzen Aserbaidschan und Gilan für autonom. Stammesführer kontrollierten weite Teile Kurdistans, Balutschistans und der arabischsprachigen Gebiete im Süden. Aus Furcht, die Kommunisten könnten die Macht übernehmen, hatte der Schah seine Kronjuwelen schon eingepackt, um sich gegebenenfalls nach Isfahan abzusetzen. Bestimmt erwartete Großvaters gelehrtester Freund eine Erklärung, wann die Episode spielt und wer diese Angreifer waren, damit das Buch mehr als nur »von familiärem Interesse« sei. Auch mein Leben ist sowenig ein besonderes wie Großvaters. Hier und dort trete ich in der Öffentlichkeit auf oder treffe bedeutende Persönlichkeiten. Das nehme ich ernst oder nicht, allein, ich bin nicht so vermessen zu glauben, daß es über den Tag hinaus Bedeutung haben könnte. Gerade weil es nicht »erwähnbar« ist, schreibe ich es auf: ein Aufstand. Gerade weil Großvaters Aufzeichnungen niemanden interessiert haben, interessieren sie mich. Er betont zwar, daß in jenen Tagen viele Schüler Teheran verließen, manche sogar zu Fuß. Urgroßvater beeindruckte das nicht. Wie schon bei der ersten Rückkehr schalt er Großvater dafür, den Unterricht zu versäumen. Seine Worte, in scharfem Ton vorgetragen, schmerzten noch sechzig Jahre später: »Bist du denn ein Soldat, daß du Angst vor den Angreifern hast? Wer immer diese Angreifer sind und was immer sie wollen, was haben sie denn mit euch Schülern zu

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