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Dein Name

Titel: Dein Name Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Navid Kermani
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erfolglos gegen ihre Tränen kämpfte, wie er liest, daß er sie endlich bemerkte und anzulächeln versuche, wie er liest, daß er murmelte, ja, es tue schon ein bißchen weh, aber keine Sorge, praktisch hundert Prozent, obwohl er noch bei neunzig lag, er sei nur so müde, immer noch müde, da der Jüngste genau diese Szene ihrer Selberlebensbeschreibung liest, sich als den Protagonisten der Mutter, weint er zum ersten Mal seit seiner Krankheit, weint vor Erleichterung und Dank. Unauffällig wischt er sich die Tränen weg, weil die Mutter vom Einkaufen zurückgekehrt ist, und sagt nur, daß er bereits angefangen habe zu lesen. Soweit der Sohn es auf Anhieb sieht, taucht Großvater in ihrer Selberlebensbeschreibung leider nicht mehr auf.
    Der Vater besteht darauf, daß ein Abstecher nach Tschamtaghi überflüssig sei, ein Stück Land, das seit dreißig Jahren brachliege, alle Bäume gefällt, sehe auch nicht anders aus als hier, versichert er und weist in die Geröllwüste. Die ganze Gegend sei nicht mehr wiederzuerkennen, dreht er die alte Leier, was idyllisches Dorf gewesen, heute schmutzige Kleinstadt, was einsame Landstraße, heute Autobahn. Der Cousin warnt regelrecht: Sie müßten damit rechnen, beschimpft oder sogar verprügelt zu werden, auch vor den Hunden müsse man sich vorsehen. Das Grundstück könnte die Familie ohnehin nicht betreten, es wenn überhaupt vom Berg aus betrachten. Der Sohn gibt es auf, die Familie zu dem Abstecher überreden zu wollen, und leiht sich vom Cousin die Kopfhörer aus, um sich nicht länger anhören zu müssen, daß von Großvaters Lebenswerk nur ein gefährliches Stück Land übrig ist. Ohnehin wäre der Sohn fast mit Frau und Kindern in Isfahan geblieben, weil auf beiden Rückbänken des Minibusses die Sitzgurte fehlten, die sein Vater mit dem Fahrer ausgehandelt hatte, einem Bekannten, versteht sich, und das Angebot fürs Wochenende der Hammer. Die Ältere will aussteigen, um die Schafe zu streicheln, die die Straße blockieren. Dafür müßte der Sohn seine Allmacht zuklappen, die Kopfhörer abnehmen, die Kabel entwirren, aufstehen und den Notsitz umklappen – nein! ruft er, bleib sitzen, schau dir die Schafe vom Fenster aus an. – Das ist gemein! schreit die Ältere. Ausnahmsweise kommt dem Sohn die Diplomatie seiner Mutter zu Hilfe: Wo sie hinführen, gäbe es tausend Schafherden, Schafherden überall, Schafherden, so viel die Ältere wolle. Heute morgen hätten sich Mutter und Sohn noch beinahe gestritten, als sie ungelogen siebenmal vorschlug, auf der Fahrt die Frühgeborene in den Arm zu nehmen wie alle Iraner, nach Tschamtaghi seien sie schließlich auch zu zwölft auf dem Pick-up gefahren. – Hättest du den Minibus doch selbst besorgt! kommentierte der Vater das ostentative Stirnrunzeln des Sohns, der die fehlenden Sitzgurte bemerkte. – Wollte ich doch! erwiderte der Sohn: Wie oft habe ich angeboten, mich selbst um den Minibus zu kümmern, da legte der Vater sich beleidigt ins Bett und behauptete, nicht mitfahren zu können wegen seines Alters und des offenen Herzens. Jetzt ist es gut, jetzt ist es so gut, wie es gar nicht vorgesehen war, draußen die Geröllwüste nur deshalb so eintönig, damit in den Tälern und an den Hängen das Grün noch glühender leuchtet, vor ihnen die schneebedeckten Berge, der Kindersitz mit Koffergurten befestigt, die Großfamilie wie früher auf dem Wochenendausflug, wenn auch nie mehr nach Tschamtaghi. Melodie ist nicht wichtig, Gesang ist nicht wichtig, Text ist nicht wichtig, Tempo war einmal wichtig, schon vor dem Gehirnaneurysma nur der Klang, Schlagzeug, Baß, zwei elektrische Gitarren. Man müßte es wie ein Video im Standbild hören können; ein Moment, der dauerte, wäre die Essenz der Rockgeschichte, die der Cousin auf seinem Telefon gespeichert hat. Der Minibus hält, jetzt wollen alle aussteigen, Widerworte zwecklos, ein Fluß, der Lebenspendende Fluß doch wohl, ein Teehaus und so Gott will eine Wasserpfeife. In seinem Teehaus unter der Brücke der dreiunddreißig Bögen kann der Sohn keine mehr rauchen, weil die Stadtverwaltung zuletzt auch dieses Vergnügen verboten hat.
    Die Selberlebensbeschreibung der Mutter kehrt nach dem Zwischenspiel in der Uroonkologie nochmals zum Putsch von 1953 zurück. Nachmittags brachte der Großonkel

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