Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition)
gigantische Lineäler, Besorgniß erregende Buchstabenkästen, Schwamm, Kreide, wandgroße Landkarten – blickten ihm entgegen, und dort auf dem Pulte lag auch jenes liebenswürdige Ruthengeflecht, von dem der Volkswitz singt:
»Der Hansjörg ist bekannt
In ganz Schlesingerland;
Wenn er gleich betrunken ist,
Hat er doch seinen Verstand«,
oder der ominöse Haselstock, dessen holdes Dasein den Dichter zu der anerkennenden Betrachtung begeistert:
»Trägt der Knabe seine ersten Hosen,
Steht schon ein Pedant im Hinterhalt,
Der ihn hudelt, ach, und ihm der großen
Römer Weisheit auf den Rücken malt.«
Dunkle Ahnungen stiegen in dem kleinen sechsjährigen Herzchen empor, und die beengenden Gefühle desselben machten sich erst in einem leise versuchenden Schluchzen und sodann in lautem Weinen Luft, welches allerdings beim Anblicke der gebräuchlichen und verheißungsvollen Zuckerdüte einem seligen Lächeln weichen mußte.
Dieses thränende Lächeln ist für eine ganze Reihe von Jahren des Lernens, ja, wohl für die ganze Lebenszeit von prophetischer Vorbedeutung gewesen. Ueber unser kurzes Dasein ziehen der Wolken gar viele, und die Lichtblicke des Glückes sind seltener, als der Sterbliche sie wünscht. Nur durch Arbeit gelangt er zu den Zielen, deren Erreichung der Zweck seines Lebens ist und ihm ermöglicht wird durch die Ausbildung seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten, wie sie die Aufgabe der Schule ist.
Da die wenigsten Eltern die nöthigen Fähigkeiten und Kenntnisse besitzen, oder die Zeit haben, um ihren Kindern diejenigen Eigenschaften mitzutheilen, welche zur allgemeinen menschlichen Bildung sowohl, als auch zu ihrer künftigen Bestimmung nothwendig sind, so ist die Errichtung von Schulen eines der hervorragendsten Bedürfnisse, und dem Staate, welcher die Verpflichtung hat, seine Angehörigen zu tüchtigen Menschen und Bürgern zu bilden, ist die Aufgabe ertheilt, für Gründung, Erhaltung und Verbesserung der Schulen nach besten Kräften zu sorgen.
Oeffentliche Anstalten zu einer geordneten Jugendbildung entstanden erst mit der fortschreitenden Entwickelung der Menschen, und in den ältesten Zeiten war der Besuch der Schulen ein Vorrecht für besondere Stände, während das eigentliche Volk davon ausgeschlossen blieb; so in Indien, China, in Babylon, bei den Chaldäern und Medern, Egyptern, Juden, Griechen und Römern. Bei den germanischen Völkern gab es keine Schulen.
Das Christenthum leitete eine neue Epoche des Schulwesens ein. Seinem ganzen Geiste und seiner Tendenz nach mußte es die innere Ausbildung aller Menschen bezwecken, und so geschah es, daß mit der Anstalt der christlichen Kirche allenthalben Schulen verbunden wurden, aus denen sich das entwickelte, was wir die eigentliche Volksschule nennen. Christus selbst sammt seinen Aposteln gehörte dem Volke an, und seine Lehre erstreckte sich nicht nur auf die Erwachsenen, sondern drang bald auch in die jugendlichen Kreise. Die erste christliche Knabenschule gründete der Presbyter Protogenes gegen Ende des zweiten Jahrhunderts zu Edessa. Jetzt hat auch der geringste, der abgelegenste Ort seine Schule, und es giebt keinen sicherern Gradmesser für den Bildungszustand eines Volkes, als den Stand seiner Schulen und die Aufmerksamkeit, welche den letzteren von Seiten des Staates gewidmet wird.
Von den Volksschulen sind die Fach- und Gelehrtenschulen zu unterscheiden, welche höhere oder enger begrenzte Zwecke verfolgen als die ersteren.
Eine ähnliche Aufgabe, wie die der Schulen, wird in denjenigen Häusern verfolgt, welche der zwangsweisen Erziehung, der Besserung gewidmet sind. Hier berühren wir einen wunden Punkt in dem Körper der menschlichen Gesellschaft, dessen Heilung trotz aller Anstrengung erfolglos erstrebt worden ist. Die Sünde, das Verbrechen frißt wie ein böses Geschwür an der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Nationen, und die Strafgesetzgebungen werden fast von Jahr zu Jahr paragraphenreicher. Wer die Geschichte dieser Gesetzgebungen schreiben wollte, müßte seine Feder in Jammer tauchen und dennoch würde es ihm nicht gelingen, ein treffendes Bild jenes Elendes zu entwerfen, welche sich wie ein Sumpf zu beiden Seiten der menschlichen Irrwege dahinzieht.
Aber warum betritt der denkende Mensch diese Wege? Der Denkende? nein, der irrig Denkende betritt sie, und eine Anklage darf sich weniger gegen ihn als vielmehr gegen diejenigen Umstände und Verhältnisse richten, durch welche er
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