Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform]
Frau gelungen ist, sich als schaffende Musikerin auszuzeichnen. Es gibt glück-liche Malerinnen und Dichterinnen und wenn gleich nie eine Frau es in irgend einer Kunst oder Wissen-schaft so weit wie die Männer gebracht hat, so haben sie doch bedeutende Stufen erstiegen. In der Musik nicht. Und dennoch sollte man glauben, daß diese Kunst, welche die wenigsten Vorstudien erheischt und viel eigentlicher Sache des Gemüts und der Phantasie ist als die andern Künste, das rechte Organ wäre, in dem sich der weibHche Geist aus-sprechen könnte 3*'*).
Doch ich kehre zu Fräulein v. Paradis und meiner Hochzeitsfeier zurück. Gleich nachdem jene Bewe-gungen im Garten bemerkt worden waren, ertönte Musik, die sich immer mehr näherte; es kam die Treppe, herauf, und ein Zug ländlich gekleideter Gestalten trat, einen Chor singend, den Instrumente begleiteten, in den Vorsaal. — Alles eilte ihnen entgegenj^ und mit lebhaftem Vergnügen erkannte ich in den Bauern und Bäuerinnen des Zuges meine Schauspiel- und Opern-gefährten aus dem Paradisschen Hause 2**). Ein Paar nach dem andern trat nun vor Pichler und mich hin, und überreichte uns in kleinen Körbchen niedliche Spielsachen, die in verkleinertem Maßstabe eine ganze Hauseinrichtung vorstellten, und sangen eine Strophe des Chors, der also begann:
Wir kommen mit Gaben und Steuer,
Zu ehren die ehliche Feier,
Die heute das glücklichste Pärchen vereint;
Und scheinen gering auch die Gaben,
Die wir zum Geschenke hier haben,
So denkt nur, wir haben es redlich gemeint, usw.
Als alle vier Paare ihre Körbchen, jedes mit andern, auf den Inhalt des Korbes bezüglichen Versen über-geben hatten, wurden wir gebeten, dem Zuge in den Garten zu folgen. Hier standen am Fuße der. Treppe vier weißgekleidete Mädchen, die einen Baldachin von Zweigen und Blumen hielten, unter den der Bräutigam treten und sich von ihnen führen lassen mußte. Ebenso erwarteten mich vier junge Herren mit ihrem grünen Dache, und nun strömte die ganze zahlreiche Ge-sellschaft uns nach durch die langen Alleen bis zu dem Platze, wo eine Art von natürlichem Theater aus le-bendigen Hecken und Spalieren gebildet, ein passen-des Lokal für einen Altar des häuslichen Glückes bot, an welchem Fräulein Therese v. Paradis als Priesterin der Freundschaft stand, noch andere Mitspielende in verschiedenen Attitüden umher gruppiert waren (das Ganze von unzähligen Lampen geschmackvoll erleuch-tet) und uns mit einem Chorgesange empfingen.
Es war ein schönes und rührendes Fest herzlicher Freundschaft, das mich damals ungemein erfreute, die Bande wechselseitiger Zuneigung zwischen uns und der Paradisschen Familie fester zuzog, und wofür ich noch jetzt, nach langen Jahren, den Manen der längstvor-angegangenen Freunde einen Zoll dankbarer Erinne-rung entrichte'**).
So ward unser Hochzeitfest, das nach unserer Mei-nung still und geräuschlos hätte vorüber gehen sol-len, doch unvermutet durch die Mitwirkung wohl-
Maria Theresia v. Paradis Wachsbüste — k. k. Blinden-Institut, Linz
wollender Freunde glänzend gefeiert, und „so vieler Geister wohlgemeintes Streben" konnte nicht anders als Segen über diese Verbindung bringen, die sich denn in dem langen Zeitraum, in Glück und Unglück als eine der zufriedensten und vergnügtesten Ehen be-währt hat.
Wir waren vermählt und lebten mit meinen Eltern nicht bloß in einem Hause^*''), sondern aßen auch mit ihnen an einem Tische, und machten nur eine Haus-haltung aus, obgleich wir junges Ehepaar ein ganz separiertes Appartement, sowohl auf dem Lande in'mei-ner Eltern Haus als in der Stadt, neben ihnen bewohn-ten. Hier sei es mir erlaubt, eine Bemerkung und Erfahrung einzuschalten, die ich an meinem eigenen Schicksal gemacht, und dadurch angeregt, noch so oft und vielmal bei andern zu machen, Gelegenheit gehabt habe, daß ich sie wohl als untrügHch aussprechen darf. Es taugt nicht, und stört das häusliche Glück beider Teile, wenn Schwiegerkinder mit den Eltern auf eine solche Art beisammen wohnen, daß sie nur einen Haus-halt ausmachen. Wenn auch Grundsätze und Lebens-verhältnisse der Kinder und Eltern sich ziemlich glei-chen, so bringt schon der Unterschied der Jahre und die daherrührende Verschiedenheit der Ansichten und des Geschmacks einen notwendigen Zwiespalt hervor. Überdies gibt es Eigenheiten, Angewöhnungen, Haus-bräuche, die an sich völlig gleichgültig sind, aber der Schwiegersohn, die Schwiegertochter bringt solche aus dem
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