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Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform]

Titel: Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform] Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: 1769-1843 Caroline Pichler , 1881-1925 Emil Karl Blümml
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den ungünstigsten Umständen Platz zu machen wissen, diese mit einer schönen Statue, die noch in dem unbearbeiteten Marmorblocke verschlossen liegt: „Die Statue ist schon da, aber es bedarf gewöhnlich der Arbeit des Meißels, um sie zutage zu fördern. Ist sie aber rechter Art, so springt sie wohl selbst aus dem Blocke hervor." Diesen Ansichten, die meine gute, ver-ständige Mutter in mein noch jugendliches Gemüt legte, meinem Gehorsam, sie zu befolgen und viel-jähriger Übung danke ich es nun im Alter, daß ich bei vieler Anlage zur Poesie, bei vieler Zeit, die ich der Be-schäftigung damit widmete, so daß ich in dem langen Räume meines Lebens die Zahl meiner Werke bis gegen 50 Bände brachte, doch meine häuslichen Pflichten, wie ich zu Gott hoffe, nicht versäumt, meiner Mutter, solange ich sie an meiner Seite hatte, treu beigestanden,
    meines Mannes Leben erheitert, und meine Tochter zu einer sehr braven Frau gebildet habe. Oft hörte ich verwundernde Lobsprüche darüber, daß ich alles dies so gut zu vereinigen gewußt hätte; ich kann aber vor Gott bekennen, daß es mich weder Studien noch Mühe gekostet, sondern daß alles aus früher Gewöh-nung und den Lehren meiner Mutter ganz natürlich entflossen ist.
    Meine Todesahnungen, mit denen ich den Win-ter begonnen hatte, wollten sich im Laufe dessel-ben nicht bewähren, ja selbst meine Stimmung wurde nach und nach wieder heiterer. Der Zyklus gesell-schaftlicher Freuden, der sich jedes Jahr im Hause meiner Eltern abrollte, hatte auch diesen Winter sein Recht behauptet. Die theatralischen Vorstellungen be-gannen, so wie wir vom Lande zurückgekehrt waren; dann kamen die wöchentlichen Quartetten während des Advents an die Reihe. Im Karneval lösten ebenso wöchentliche Picknicks unter unserer näheren Be-kanntschaft die Quartetten ab, die mit der Fastenzeit wieder eintraten, und nach Ostern wurde das Theater abermals aufgerichtet und fortgespielt, bis es Zeit war, aufs Land zu ziehen. Noch eine Art von geselliger Unterhaltung hatte sich seit einiger Zeit in unsern Kreisen etabliert, die eigentlich im Hause eines nähern Bekannten, des berühmten Hofrats von Born, begonnen hatte, mit dessen jüngerer Tochter2''*), einem liebens-würdigen, sanften Mädchen, mich eine herzliche Zu-neigung verband, und wo alle Sonnabende im ganzen Winter sich größere Gesellschaften versammelten 2'^)^ die eigentlich in drei Abteilungen zerfielen. Den mit-
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    telsten Salon, das eigentliche Tafelzimmer, okkupierten wir junge Leute und durften uns auch noch in die, zu beiden Seiten anstoßenden Kabinette verbreiten. Neben dem Kabinette linker Hand aber war der Salon der Hof-rätin, in welchem die Väter und Mütter der im Tafel-zimmer versammelten Jugend oder andere ältere Be-kannte der Frau vom Hause sich mit Kartenspielen unterhielten, während in dem Salon neben dem Kabinette rechter Hand — dem Studierzimm.er des ebenso geistreichen als gelehrten Herrn vom Hause, sich Gelehrte, bedeutende Fremde oder ausgezeichnete Geschäftsmänner höheren Ranges einfanden. Durch den Saal, in dem wir unser, oft sehr lautes Wesen trieben, gingen alle die Eingeweihten, die in eines der höheren Gemächer zugelassen wurden; wir sahen sie durch-passieren, wir knixten und verbeugten uns achtungs-voll und waren wieder froh, wenn die kartenspielende Dame oder der gelehrte Herr, der Herr Graf oder Präsi-dent linker oder rechter Hand abdesitiert und in eines der beiden Heiligtümer eingegangen war 2'^). — Hier wurde ein Spiel eingeführt, das große Ähnlichkeit mit den zehn bis zwanzig Jahre nachh r ebenso beliebten als kostspieligen Tableaux hatte. Unsere Gesellschaft teilte sich nämlich in zwei ziemlich gleiche Hälften, und jede Partie stellte abwechselnd irgendeine Szene aus einem bekannten Theaterstück, aus der Profan-oder heiligen Geschichte oder der Mythologie panto-mimisch dar. Die zur Verständigung nötigen Kostüme und Requisiten wurden, so gut sich es tun ließ, aus den nächsten Umgebungen herbeigeschafft; denn eine Hauptsache war, daß die Zubereitungen nicht zu viel Zeit hinwegnahmen und möglichst viele Geschichten in einem Abend aufgeführt werden konnten. Wir
    nannten es auch Geschichten spielen. Aus dem.Born-schen Hause, welches bald darauf durch den Tod des ausgezeichneten Mannes 2'^) und durch den zerrütteten Zustand, in dem er sein Vermögen hinterließ, sich auf-gelöst hatte, verpflanzte sich jenes Spiel in unser Haus. Jeden Montag kam eine zahlreiche

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