Der Azteke
sogar wider die Natur gerichtete sexuelle Praktiken hätten. Wir waren übereingekommen, weder Überraschung noch Abscheu zu bekunden, ganz gleich, welche Gesten der Gastfreundschaft dieser Art unsere Gastgeber uns bieten mochten, und daß wir so höflich wie möglich dankend ablehnen wollten. Zumindest bildeten wir uns ein, uns darauf geeinigt zu haben. Als es dann soweit war, und ehe wir erkannten, worum es überhaupt ging, waren wir bereits mitten drin und konnten nicht mehr zurück. Auch packte uns darob keineswegs das Entsetzen, weil wir es – wenngleich wir uns hinterher nie darüber klar werden konnten, ob es nun verrucht oder ganz harmlos gewesen war – überaus köstlich fanden.
Auf dem Weg die Treppe hinauf ins Obergeschoß, drehte Tzimtzicha sich um und zwinkerte mir ähnlich zuhälterhaft zu wie zuvor ich seinem Vater, und erkundigte sich: »Wünschen der Ritter und seine Dame getrennte Räume? Getrennte Lagerstätten?«
»Aber ganz gewiß nicht«, erwiderte ich – und sagte das recht frostig, weil ich befürchtete, daß er als nächstes fragen würde: »Und jeder einen anderen Bettgenossen?« oder irgendwelche anderen unschicklichen Vorschläge machen würde.
»Ein eheliches Schlafgemach also, mein Herr«, sagte er daraufhin durchaus freundlich. »Doch manchmal«, fuhr er im Plauderton fort, »ist nach einem anstrengenden Reisetag auch noch das liebendste Ehepaar abgespannt. Der Hof von Tzintzuntzani würde es sich nie verzeihen und meinen, als Gastgeber versagt zu haben, wenn seine Gäste das Gefühl hätten, zu – nun, ja – müde zu sein, einander auch nur eine einzige Nacht nicht zu genießen. Aus diesem Grunde bieten wir ihnen etwas an, was wir Atánatanárani nennen. Es steigert die Kraft des Mannes und die Empfänglichkeit der Frau, und zwar in einem Maße, wie sie sie bisher möglicherweise noch nie erlebt haben.«
Das Wort Atánatanárani bedeutete, soweit ich die darin enthaltenen Wortelemente begriff, nichts weiter als »Ein Zusammenbündeln«. Noch ehe ich nachfragen konnte, wieso ein Zusammenbündeln irgend etwas zu steigern imstande sei, ließ er uns mit geneigtem Kopf in unsere Schlafkammer eintreten, zog sich rückwärtsgehend zurück und schloß behutsam die lackierte Tür.
Der lampenerhellte Raum enthielt die größte, tiefste und weicheste Lagerstatt aus aufeinandergetürmten Decken, die ich je gesehen hatte. Außerdem erwarteten uns zwei ältere Sklaven, ein Mann und eine Frau. Argwöhnisch betrachtete ich sie, doch baten sie nur um die Erlaubnis, uns das Bad zu bereiten. An die Schlafkammer angrenzend, hatte jeder von uns seine eigene Badestube samt Badezuber und bereits dampferfülltem Schwitzbad. Mein Diener half mir, mich im Zuber zu waschen und war mir hinterher im Schwitzbad behilflich, mir den ganzen Körper mit Bimsstein abzureiben, doch sonst tat er nichts, jedenfalls nichts Ungehöriges. Offenbar hatte der Kronprinz unter »Atánatanárani« nichts weiter als »Baden und Schwitzen« verstanden. Traf das zu, handelte es sich lediglich um eine zivilisierte Annehmlichkeit und nicht um etwas Unanständiges; und es tat mir ausgesprochen wohl. Ich war erfrischt, meine Haut prickelte, und ich fühlte mich durchaus im Vollbesitz meiner »Kraft«, um – wie Tzimtzicha es auszudrücken beliebt hatte – meine Frau »zu genießen«.
Unsere Sklaven verneigten sich und zogen sich zurück, und als wir aus unseren Badestuben heraustraten, stellten wir fest, daß die Schlafkammer dunkel war. Die Vorhänge waren zugezogen, die Öllampen gelöscht. Infolgedessen dauerte es eine Weile, ehe wir in dem großen Schlafgemach einander und noch etwas länger, ehe wir die riesige Lagerstatt gefunden hatten. Die Nacht war lau; nur die oberste Decke war zurückgeschlagen worden; wir schlüpften darunter, legten uns auf den Rücken und waren es für den Augenblick zufrieden, einfach weich wie auf Wolken gebettet dazuliegen.
Verschlafen murmelte Zyanya: »Weißt du, Záa, ich habe immer noch das Gefühl, betrunken zu sein wie eine Biene.« Dann durchzuckte sie es unversehens ganz leicht, und sie stieß überrascht die Luft aus. »Ayyo, bist du aber hitzig! Du hast mich ja völlig überrumpelt.«
Ich hatte gerade das gleiche sagen wollen. Ich griff nach unten, wo eine kleine Hand mich sanft berührte – ihre Hand, die ich annahm – und sagte voller Verwunderung: »Zyanya?«, doch da sagte sie bereits:
»Záa, ich fühle … Das muß ein Kind sein da unten. Das mit meinen … mit mir
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