Der Azteke
endlich mein ausladendes Damenpaar loszuwerden, verspürte ich doch einige Gewissensbisse, den Rankenfingern dieses verknitterten und verhutzelten alten Unkrauts überhaupt etwas zu übergeben, und sei es auch nur eine Mißgeburt.
Ich überreichte Ahuítzotls Brief. Der Uandákuari gab ihn an seinen ältesten Sohn weiter und befahl ihm mürrisch, ihn laut vorzulesen. Kronprinzen waren in meiner Vorstellung stets junge Männer gewesen; doch dieser Kronprinz, Tzimtzicha, hätte er sein Haar wachsen lassen, wäre bereits grauhaarig gewesen; sein Vater jedoch kommandierte ihn immer noch herum, als ob er noch nicht das Schamtuch der Erwachsenen unter seinem Umhang getragen hätte.
»Ein Geschenk für mich, eh?« krächzte der Vater auf poré. Er heftete seine Triefaugen auf Zyanya, die hinter mir stand, und schmatzte begehrlich. »Ah. Könnte mal was Neues sein, gewiß. Wenn man ihr die Haare abrasierte und nur die weiße Strähne stehen ließe …«
Die entsetzte Zyanya trat einen Schritt zurück, und ich beeilte mich zu sagen: »Hier ist das Geschenk, Hoher Gebieter Yquingare«, und streckte die Hand nach dem Damenpaar aus. Ich ließ sie unmittelbar vor dem Thron Aufstellung nehmen und riß das purpurn gefärbte Gewand vom Halsausschnitt bis zum Saum auf. Die versammelte Menge hielt die Luft an, als ich ein so kostbares Stück Stoff zerriß – und dann noch einmal, als das Gewand zu Boden fiel und die Zwillinge nackt dastanden.
»Bei den gefiederten Eiern Kurikáuris!« hauchte der alte Mann und gebrauchte den Pore-Namen für Quetzalcóatl. Dann sagte er noch etwas, doch ging das im allgemeinen Lärm verwunderter Ausrufe unter, und ich konnte nur sehen, daß ihm der Speichel aus dem Mund floß. Das Geschenk war offensichtlich ein Erfolg.
Alle Anwesenden, darunter etliche noch am Leben befindliche alte Ehefrauen und Konkubinen, erhielten Gelegenheit, nahe an das Damenpaar heranzutreten und es genau in Augenschein zu nehmen. Etliche Männer und auch ein paar Frauen streckten mutig die Hand aus und betasteten den einen oder anderen Körperteil des einen oder anderen Mädchens. Als die speicheltreibende Neugier aller befriedigt war, stieß Yquingare krächzend einen Befehl aus, woraufhin die ganze Empfangshalle sich leerte und nur er selbst, wir Besucher, der Kronprinz und ein paar unbewegt in den Ecken des Raumes aufgestellte Wachen zurückblieben.
»Jetzt zum Essen«, sagte der alte Mann und rieb sich die trockenen Hände. »Muß schließlich einen guten Eindruck machen, eh?«
Kronprinz Tzimtzicha gab den Befehl an eine der Wachen weiter, welche daraufhin den Saal verließ. Gleich darauf kamen einige Diener, und breiteten das Speisetuch vor uns aus, und nachdem Zyanya die Blöße der Zwillinge wieder mit dem zerrissenen Gewand bedeckt hatte, nahmen wir alle sechs Platz. Ich vermute, daß dem Kronprinzen für gewöhnlich nicht gestattet war, zur selben Zeit wie sein Vater zu essen, doch sprach er fließend Náhuatl und mußte gelegentlich als Dolmetsch dienen, wenn der alte Mann oder ich selbst mit der Sprache des anderen nicht zurechtkamen. Zyanya fütterte unterdessen das Damenpaar mit einem Löffel, denn für gewöhnlich beförderten sie alles Essen, selbst den Schaum ihrer Schokolade, mit den Fingern in den Mund und kauten auch mit offenem Mund, was normalerweise alle Anwesenden ekelte.
Allerdings waren ihre Manieren auch nicht schlechter als die des alten Mannes. Nachdem wir anderen alle von dem köstlichen weißen Fisch vorgesetzt bekommen hatten, den es nur im Pátzkuaro-See gibt, sagte er zahnlos grinsend: »Eßt! Genießt! Kann selbst nichts anderes zu mir nehmen als Milch.«
»Milch?« fragte Zyanya höflich nach. »Milch von der Hirschkuh, Hoher Gebieter?«
Dann jedoch schossen ihre schwingengleichen Brauen in die Höhe. Eine sehr große, sehr kahlköpfige Frau trat ein, kniete nebem dem Uandákuari nieder, hob ihre Bluse in die Höhe und bot ihm eine sehr üppige Brust dar, welche – hätte sie ein Gesicht aufgewiesen – genausogut ihr haarloser Kopf hätte sein können. Während des Rests der Mahlzeit, und wenn Yquingare sich nicht gerade nach Einzelheiten über die Herkunft und den Erwerb des Damenpaars erkundigte, saugte er schmatzend zuerst an einer der nasenähnlichen Brustwarzen, dann an der anderen.
Zyanya vermied es, ihn nochmals anzusehen; desgleichen tat der Kronprinz; beide schoben nur die Speisen auf den goldeingelegten Lacktellern umher. Die Zwillinge ließen es sich nach Herzenslust
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