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Der Azteke

Der Azteke

Titel: Der Azteke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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gesamten Volkes regelten. Tzintzuntzani bestand ausschließlich aus Palästen und wurde nur von Adligen und ihren Familien, ihren Höflingen, Priestern, Dienern und dergleichen bewohnt.
    Als unser Zug sich Tzintzuntzani näherte, war das erste von Menschenhand Geschaffene, das wir aus einer Entfernung von mehreren Malen Ein Langer Lauf erblickten, die uralte Iyákata, wie eine Pyramide auf Pore heißt, welche sich auf den Höhen östlich von den Palästen der Adligen erhob. Uralt, nicht besonders hoch, aber von ungewöhnlich länglicher Form, stellte diese Iyákata – eine merkwürdige Mischung aus quadratischen und runden Teilen – immer noch einen ehrfurchtgebietenden Steinhaufen dar, wiewohl er, längst aller Stein- und Stuckverkleidung und aller Farben verlustig gegangen, schon recht verfallen und von Pflanzenwuchs überwuchert war.
    Man könnte meinen, daß die zahlreichen Paläste von Wo Der Kolibri Fliegt, da sie ganz aus Holz errichtet waren, weniger eindrucksvoll gewesen wären als die steinernen Paläste von Tenochtítlan, doch wiesen sie ihre eigene Art von Großartigkeit auf. Unter den weit vorspringenden Sparren der spitzgiebligen Dächer mit den nach oben gebogenen Ecken waren sie sämtlichst zwei Stockwerke hoch, und das Obergeschoß war rings von einer Außengalerie umgeben. Die massigen Zedernstämme, welche diese Gebäude trugen, die Säulen und die Geländer, die vielen unter dem Dachvorsprung sichtbaren Balken – alles war über und über mit schnörkeligen Schnitzereien und durchbrochener Arbeit bedeckt. Wo immer die Künstler noch hinkamen, waren emsig mit der Hand Lackarbeiten angebracht worden. Jeder Palast war verschwenderisch geschmückt, schimmerte in vielen Farben und Blattgold, aber neben dem Palast des Uandákuari nahmen alle anderen sich nichtig aus.
    Schnellboten hatten Yquingare von unserem Nahen laufend unterrichtet, so daß uns eine Schar von Edelleuten samt Damen bereits erwartete. Um ungestört zu sein, war unser Zug zuvor zum Seeufer abgebogen, wo jeder allein gebadet und die feinsten Gewänder angelegt hatte. Erfrischt und stolz aussehend, gelangten wir in den Vorhof des Palastes – einen mauerumwehrten Garten mit großen, schattenspendenden Bäumen –, wo ich befahl, daß die Tragstühle abgesetzt würden. Ich entließ unsere Wachen und Träger, welche in die Quartiere der Dienerschaft geleitet und dort untergebracht wurden. Nur Zyanya, das Damenpaar und ich betraten durch den Garten das gewaltige Palastgebäude. Im allgemeinen Durcheinander der Begrüßung war die eigenartige Gehweise unserer Zwillinge nicht weiter aufgefallen.
    Unter dem Willkommensgemurmel und dem Geplauder, von dem ich nicht allzuviel verstand, wurden wir durch das aus Zedernstämmen gebildete Portal des Palastes auf eine zedernbohlenbelegte Terrasse geführt, sodann durch eine große, offenstehende Tür, danach über einen kurzen Korridor bis in Yquingares Empfangshalle. Sie war zwei Stockwerke hoch und von gewaltigen Ausmaßen, ähnlich wie der Innenhof von Ahuítzotls Palast, nur mit einem Dach darüber. Treppen führten zu beiden Seiten auf eine Innengalerie, von welcher die Gemächer des Oberstocks abgingen. Der Uandákuari saß auf einem Thron, der nur ein niedriger Stuhl war, freilich sehr weit vom Eingang entfernt aufgestellt so daß man ein beträchtliches Stück bis zu ihm zurücklegen mußte, was offensichtlich dazu dienen sollte, jedem Besucher das Gefühl einzuflößen, er komme als Bittsteller.
    So groß sie war, war die Halle voll von elegant gekleideten Herren und Damen, welche jedoch nach beiden Seiten zurückwichen, um einen Gang für uns freizumachen. Feierlich schritten ich, dann Zyanya und hinter uns das Damenpaar auf den Thron zu, und ich hob meinen Topas nur lange genug vor die Augen, um einen guten Blick auf Yquingare zu werfen. Ich hatte ihn nur ein einziges Mal zuvor gesehen, anläßlich der Einweihung der Großen Pyramide, und damals war mein Sehvermögen noch sehr schlecht gewesen. War er damals bereits alt gewesen, so war er heute uralt: ein verschrumpelter Wicht von einem Mann. Vielleicht hatte seine natürliche Kahlköpfigkeit zu dieser Mode unter seinem Volk geführt; jedenfalls brauchte er kein scharfes Messer aus Obsidian, um sich seine Kahlköpfigkeit zu bewahren. Er hatte nicht nur keine Haare, sondern war auch noch zahnlos und fast stimmlos: mit leiser Stimme, die klang wie das Rascheln einer kleinen Samenschote, hieß er uns willkommen. Wenngleich ich froh war,

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