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Der Azteke

Der Azteke

Titel: Der Azteke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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ertragen, zu beschreiben, wie das vonstatten ging – wobei mein Abscheu nichts damit zu tun hat, daß ich ein zivilisierter Christ geworden bin.
    Doch wenn Euer Exzellenz es so sehr interessiert und wenn Ihr darauf besteht …
    Xipe Totec war unser Gott der Saatzeit die bei uns in unseren Mond Tlacaxípe Ualíztli fiel, was man als »Das Sanfte Schinden« übersetzen kann. Es war die Jahreszeit, in welcher die abgestorbenen Strünke und Stoppeln der Vorjahrsernte abgebrannt, abgerecht oder untergegraben wurden, auf daß der Boden sauber und bereit gemacht werde, die neue Saat zu empfangen. Tod, welcher dem Leben weicht, versteht ihr, wie er das sogar für die Christen tut, wenn jedes Jahr zur Saatzeit der Herr Jesus stirbt und wiedergeboren wird. Euer Exzellenz brauchen nicht abwehrend zu schnauben. Weiter geht die ruchlose Ähnlichkeit nicht.
    Ich will nicht alle Vorbereitungen und all die Dinge beschreiben, die bei diesem Fest eine Rolle spielten: die Blumen und die Musik, die Tänze und die Farben, die Gewänder und Umzüge und den Donner der Trommel, die das Herz herausreißt. Ich will mich gnädig kurz fassen, so gut es geht.
    Wisset also, daß schon im voraus ein junger Mann oder ein junges Mädchen ausgewählt wurden, die geehrte Rolle von Xipe Totec, Unserem Herrn Dem Geschundenen, zu spielen. Welchen Geschlechts der Darsteller war, war weniger wichtig als das Erfordernis, daß er oder sie voll ausgewachsen und immer noch jungfräulich wären. Für gewöhnlich handelte es sich um einen Fremden von edler Geburt, welcher noch als Kind in irgendeinem Krieg in Gefangenschaft geraten war und von vornherein bestimmt wurde, sobald er oder sie erwachsen wäre, den Gott darzustellen. Niemals wurde für diesen Zweck ein Sklave gekauft, denn Xipe Totec verdiente und verlangte einen jungen Menschen edelsten Geblüts und bekam ihn auch.
    Einige Tage vor Beginn des Festes wurde der Jüngling oder die Jungfrau im Xipe Totec-Tempel untergebracht und mit allem überhäuft, was Freude machte: gutem Essen und Trinken und schöner Unterhaltung. Nachdem die Jungfräulichkeit des oder der Betreffenden überzeugend festgestellt worden war, wurde sie rasch beseitigt. Er oder sie durfte sich jeder Ausschweifung hingeben – man ermunterte die Betreffenden ausdrücklich dazu, und falls nötig, wurden sie sogar dazu gezwungen –, denn das gehörte unumgänglich dazu, galt es doch, den Gott der Frühlingsfruchtbarkeit darzustellen. Handelte es sich bei dem Xochimíqui um einen jungen Mann, durfte er sämtliche Frauen und Mädchen nennen, welche er jemals begehrt hatte, gleichgültig, ob sie verheiratet waren oder nicht. Erklärten diese Frauen sich einverstanden – was viele taten, selbst von den verheirateten –, brachte man sie ihm. War der Xochimíqui ein Mädchen, durfte sie alle Männer nennen, die sie wollte, und für sie die Beine spreizen.
    Gelegentlich kam es jedoch vor, daß der junge Mensch, welcher für die Ehre des Gottseins ausersehen war, etwas gegen diesen Teil der Darstellung hatte. Handelte es sich um ein junges Mädchen und lehnte es die Gelegenheit ab, allen Lüsten zu frönen, wurde sie vom Hohenpriester von Xipe Totec mit Gewalt ihrer Jungfernschaft beraubt. Handelte es sich um einen zur Keuschheit entschlossenen jungen Mann, wurde er gefesselt und von einer Tempeldienerin bestiegen. Widerstrebte der junge Mensch selbst dann noch, wenn er die Freuden des Fleisches kennengelernt hatte, mußte er wiederholte Vergewaltigungen durch die Priester oder Tempelfrauen über sich ergehen lassen und, wenn diese genug davon hatten, selbst vom gemeinen Volk, wer immer Lust dazu hatte. Davon gab es immer genügend: Fromme, welche danach gierten, sich mit einem Gott oder einer Göttin zu paaren, solche, die nur ihrer Geilheit frönten, solche, die einfach neugierig waren, kinderlose Frauen und impotente Männer, welche hofften, durch die Gottheit zu empfangen oder ihre Jugendkraft wiederzufinden. Jawohl, Euer Exzellenz, es kam zu jeder Ausschweifung, welche Ihr Euch ausdenken könnt – nur nicht zur Paarung von Gott und Mann oder Göttin und Frau. Da solches der Fruchtbarkeit im höchsten Maße zuwiderlief, wäre das Xipe Totec alles andere als wohlgefällig gewesen.
    Am Tag des Festes – nachdem die Menschen, welche zusammengeströmt waren, durch Vorführungen von Zwergen und Gauklern, Tocotine und ähnlichen unterhalten worden waren – trat Xipe Totec öffentlich auf. Das junge Mädchen oder der junge Mann war wie der

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