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Der Azteke

Der Azteke

Titel: Der Azteke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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doch den größten Teil dieses Tages verbrachte sie zusammen mit Zyanya in unserem Zimmer, aus dem ich mit sanfter Gewalt vertrieben wurde, so daß mir nichts anderes übrig blieb, als schmollend durch den Rest des Hauses zu ziehen. Als es Abend wurde, kam Béu allein herunter. Während wir zusammen unsere Schokolade tranken, sagte sie in geradezu verschwörerischem Ton:
    »Zyanya hat bald jene Zeit ihrer Schwangerschaft erreicht, wo du dich deiner … deiner ehelichen Rechte enthalten mußt. Was wirst du während dieser Zeit tun?«
    Fast hätte ich ihr gesagt, das gehe sie nichts an, doch meinte ich dann nur: »Nun, ich werd's überleben.«
    Sie jedoch ließ nicht locker. »Es würde sich nicht schicken, wenn du auf eine Fremde zurückgriffest.«
    Verletzt stand ich auf und erklärte steif: »Die erzwungene Enthaltsamkeit mag mir zwar gerade keine Freude bereiten, aber …«
    »Aber du hoffst, einen annehmbaren Ersatz für Zyanya zu finden?« Sie legte den Kopf schief, als erwartete sie ernstlich eine Antwort. »Und könntest du in ganz Tenochtítlan keine finden, die so schön wäre wie sie? Und deshalb schickst du ganz bis ins ferne Tecuantépec, um mich kommen zu lassen?« Sie lächelte, erhob sich und trat so nahe an mich heran, daß ihre Brüste meine Brust streiften. »Sehe ich Zyanya nicht so ähnlich, daß du mich als einen befriedigenden Ersatz für sie betrachten könntest?« Schelmisch fingerte sie an meiner Umhangspange herum, als wolle sie sie öffnen. »Aber Záa, wenn auch Zyanya und ich Schwestern und uns körperlich so ähnlich sind, bedeutet das noch lange nicht, daß wir nicht doch unterschiedlich wären. Im Bett könntest du uns sehr verschieden finden …«
    Entschlossen schob ich sie fort von mir. »Ich wünsche dir einen angenehmen Aufenthalt in diesem Haus, Béu Ribé. Aber wenn du deinen Abscheu vor mir nicht für dich behalten kannst – könntest du dich nicht zumindest enthalten, ihn auf so boshaft unaufrichtige Weise zu demonstrieren? Könnten wir beide es nicht einfach fertigbringen, so zu tun, als bemerken wir einander nicht?«
    Als ich davonschritt, war ihr Gesicht so brennend rot übergossen, als hätte ich sie bei etwas Ungehörigem ertappt – und sie rieb sich die Wange, als hätte ich sie dieserhalb geschlagen.

    Señor Bischof Zumárraga, es ist mir eine schmeichelhafte Ehre, daß Ihr uns wieder einmal beehrt. Euer Exzellenz kommen gerade rechtzeitig, um zu hören, wie ich – nicht minder stolz als vor so vielen Jahren – die Geburt meiner geliebten Tochter verkünde.
    Alle meine Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet wie ich zu meiner Freude gestehen muß. Das Kind bewies Klugheit, noch ehe es überhaupt auf die Welt kam, denn es wartete seine Zeit im Mutterleib ab, bis die leblosen Nemontémtin-Tage vorüber waren, und erschien dann am Tage Ce-Malinali oder Ein Gras des ersten Monds im Jahre Fünf Haus. Ich war damals dreißig, eigentlich schon ein wenig zu alt, um zum erstenmal Vater zu werden, doch führte ich mich eingebildet und albern auf wie nur je ein junger Mann – als ob ich allein das Kind empfangen, ausgetragen und zur Welt gebracht hätte.
    Während Béu an Zyanyas Lager sitzen blieb, kamen der Arzt und die Hebamme zu mir heraus, um mir zu sagen, daß das Kind ein Mädchen sei, und mir alle ängstlichen Fragen zu beantworten. Sie schienen zu meinen, ich sei von Sinnen, als ich die Hände rang und sagte: »Sprecht die Wahrheit. Ich kann sie ertragen. Sind es nicht in Wirklichkeit zwei Mädchen in einem Körper?« Nein, erklärten sie, es handele sich keineswegs um irgendwelche Zwillinge, sondern um eine einzige Tochter. Nein, sie sei auch keineswegs ungewöhnlich groß. Nein, sie sei alles andere als monströs, und nichts an ihr weise auf irgendwelche schlimmen Vorbedeutungen hin. Als ich dem Arzt mit Fragen zusetzte, wie es denn mit ihrem Augenlicht stehe, erwiderte er verzweifelt, Neugeborene seien nun einmal nicht für ihren Adlerblick bekannt, und man habe auch noch nie gehört, daß sie sich dessen gerühmt hätten. Ich müsse schon warten, bis sie sprechen und es mir selbst sagen könne.
    Sie übergaben mir die Nabelschnur des Kindes und kehrten dann in die Kinderkammer zurück, um Ein Gras in kaltes Wasser zu tunken, sie zu wickeln und sie den traditionellen Ermahnungen und Verhaltensmaßregeln zu überantworten. Ich ging nach unten, wickelte die noch feuchte Nabelschnur mit zitternder Hand um ein Spinnrad aus gebranntem Ton, sprach ein paar stumme

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