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Der Dieb der Finsternis

Der Dieb der Finsternis

Titel: Der Dieb der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Doetsch
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Lächeln an. »Das war nur für den Transport.«
    Yasims Herzlichkeit war mit einem Schlag dahin. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, das Behältnis zu öffnen?«
    Fragend legte KC den Kopf zur Seite.
    »Es tut mir leid, aber uns wurde ein Raubüberfall gemeldet, nur konnten wir bisher nicht feststellen, dass irgendetwas gestohlen wurde. Ich bin überzeugt, dass Sie unter diesen Umständen Verständnis haben.« Yasim schaute Michael an. »An Sie kann ich mich gar nicht erinnern.«
    Michael lachte und schaute dabei auf die gewaltige Menschenmenge, die um sie her versammelt war. »Wie wollen Sie sich an siebenhundertfünfzig Personen erinnern?«
    Yasim sagte nichts dazu. Er stellte seinen Kuchen und das Sprudelwasser auf einen Tisch ganz in der Nähe.
    »Ich bin um zwanzig Uhr dreißig hier eingetroffen«, erklärte Michael. »Mein Name ist Michael Paulson. Ich bin ein Gast der Firma Tram Industries.«
    »Natürlich.« Yasim nickte. »Dann macht es Ihnen sicher nichts aus, mir kurz Ihren Ausweis zu zeigen, Mister Paulson.« Er wandte sich wieder KC zu und zeigte mit dem Finger auf die Rolle. »Darf ich?«
    Yasim zog das Funkgerät von seinem Gürtel.
    Zwei Polizisten, die ein Stück weiter weg standen, begriffen Yasims Körpersprache. Als er sein Funkgerät in die Hand nahm, kamen sie sofort herüber.
    Michael tat so, als wäre er außer sich vor Empörung. Dabei schaute er KC flüchtig an. Sie schenkte ihm ein sanftes Lächeln, bückte sich über die blaue Tasche und griff mit der Hand nach der Lederrolle.
    Die beiden Polizisten gesellten sich zu ihnen und hielten die Hände dabei über ihren geholsterten Pistolen. Zwischen ihnen und Yasim kam es zu einem raschen Wortwechsel auf Türkisch, dann zeigte Yasim mit dem Finger auf Michael.
    »Sir«, sprach ihn einer der beiden Polizisten an, »er muss wirklich Ihren Ausweis sehen.«
    »Selbstverständlich.« Michael schob die Hand in die Jackentasche und legte seine Finger um den Zünder.
    Unvermittelt lief die Zeit wie in Zeitlupe weiter.
    KC erhob sich langsam aus der Hocke und hielt die Rolle mit dem Stab fest in der Hand. Die gesamte Aufmerksamkeit der Polizeibeamten galt ihrem tiefen Ausschnitt. Yasim sprach in sein Funkgerät. Michael konnte es nicht leugnen: Dieser Mann hatte äußerst feine Antennen. Der Lärm der Menschenmenge verstummte; Michael konnte nicht mehr hören, wie das Orchester »We are Family« spielte. Aus den Augenwinkeln verschaffte er sich einen Überblick über sein unmittelbares Umfeld: Wer stand zu seiner Linken, wer zu seiner Rechten? Wo waren die Ausgänge? Wo befanden sich die anderen Wachen und Polizeibeamten?
    In der Jacketttasche legte Michael mit dem Daumen den Sicherheitsschalter des Zünders um. Er blickte KC, die sich gerade zu ihrer vollen Größe aufgerichtet hatte, fest in die Augen. Wie aufs Stichwort lächelten sie einander an.
    Jetzt lief die Zeit wieder normal.
    Michael drückte auf den Knopf.
***
    Die fünf Sprengsätze explodierten zeitgleich und zerrissen die Stille der Nacht. Der mittlere Zeltpfosten zerbarst in tausend Stücke, und die riesige blaue Plane fiel auf das Orchester, die Esstische und den Tanzboden mit den betrunkenen VIPs. Das Zelt der Bar begrub den Barkeeper unter sich, und die Eisskulptur zerbröselte zu einem Regen aus Schnee und Dunst.
    Chaos breitete sich unter den 750 Leute aus, die panisch zu den Ausgängen flohen. Es herrschte nackte Verwirrung. Verzweifelte Rufe und gellende Schreie waren zu vernehmen. Auf einmal gab es keine gesellschaftlichen Unterschiede mehr zwischen den Partygästen: Ob von königlichem Geblüt oder reicher Emporkömmling, ob Millionär oder Kellner – der Überlebenstrieb vereinte sie alle, und vereint flohen sie, um sich in Sicherheit zu bringen.
    Die Wachen am Tor waren bestens geschult. Beim Anblick der auf sie zustürmenden Menschenmassen zogen sie die Tische und Stühle, die Sicherheitsscanner und sämtliche Absperrungen zur Seite, um den einzigen Ausgang zu räumen. Ihre Mahnungen, die Ruhe zu bewahren, wurden jedoch nicht befolgt. Die Leute hatten Todesangst. Es wurde geschoben und gedrückt, als die Massen sich durch das Begrüßungstor zwängten, über den weitläufigen Janitscharenhof zum Großherrlichen Tor rannten und nach draußen in die Freiheit flohen. Einige stürzten und wurden niedergetrampelt; anderen wurde von heldenmutigen Fremden oder von Wachmännern aufgeholfen, die auch in einer solchen Krise ruhig Blut bewahrten.
    Yasim, sein Partner und die beiden

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