Der dreizehnte Apostel
von Ihnen gehört. Jemand hat bei
Ihrer Mitbewohnerin nachgefragt …«
»Judy«, sagte sie automatisch.
»Die erklärte, Sie hätten heimfliegen wollen, seien aber nicht gekommen. Das beunruhigte uns, weil«, er blätterte in seinen Unterlagen, »weil es da auch einen Gabriel O’Donoghue gegeben hat, der vor Ihnen mit diesem O’Hanrahan herumgereist ist. Und auch er wurde eine Weile vermisst .«
»Irgend jemand ist hier im Irrtum, Colonel, Sir«, protestierte Lucy. »Bis zu dieser Woche habe ich alle paar Tage Berichte an die Universität in Chicago gefaxt.«
Colonel Westin schien sie nicht zu hören, da er wieder in seine Papiere vertieft war. Er reichte ihr die Zeitung. »Haben Sie das gesehen?« Sie sah auf die Zeitung; es war eine andere als die, die die Araberin ihr gezeigt hatte. Lucy musterte das Griechisch, betrachtete ein Foto von einigen griechischen Politikern und bemerkte am Fuß der Seite das Foto einer Ikone … einer verunstalteten Ikone. Daneben ein Kopfbild O’Hanrahans. »Mein Gott, Dr. O’Hanrahan!«
»Ihr Partner scheint sich auf dem Berg Athos in einigen Schwierigkeiten befunden zu haben, irgend etwas mit der Verunstaltung unschätzbar wertvoller Ikonen.«
»Das ist vollkommen unmöglich«, stammelte sie.
»Ja«, sagte der Colonel, ohne aufzusehen, und sog Luft durch die zusammengepressten Zähne ein. »Das haben wir auch gedacht. Seinetwegen bin ich von Jerusalem hergeflogen.« Hatte er nicht gesagt, er sei ihretwegen aus Jerusalem gekommen?
»Ich versuche, alles zusammenzufassen, Miss Dan-tan. Sie werden mit einem Auftrag nach England geschickt, hat Ihr Kollege mir gesagt; dann sind Sie in Irland, Italien, Griechenland, dann wollen Sie mit diesen irakischen Terroristen abfliegen …«
Er brach ab, als ein weiterer Mann ins Zimmer trat. Er war in den Dreißigern, sehr klein, trug einen schlechtsitzenden hellblauen Anzug – die Ärmel etwas zu lang und die Hosen etwas zu kurz. Außerdem hatte er sehr schütteres braunes Haar, das er so gut wie möglich über seinen Kopf zu verteilen versucht hatte, und trug eine dicke runde Brille. »Tag. Clem Underwood«, verkündete er und streckte Lucy eine kleine, dicke, beringte Hand entgegen. »Ich komme von der US-Botschaft hier in Athen. Hallo, Colonel. Hier sind Sie also.«
»Clem«, sagte der Colonel unglücklich und Schloss den Aktendeckel. Underwood zeigte lebhaftes Interesse an der Mappe des Colonels. »Oh, ist das … ist das das Material über Miss Dantan?«
»Das ist Verschlusssache «, erklärte Colonel Westin. »Unter anderem ein verfahrensrechtliches Communi que bezüglich Interpol und mit Zugang für die US-Zollbehörden …«
»Aaach, nur einen kleinen Blick, hehehe …«
»Ich erinnere mich nicht an eine Anweisung, daß der Staat die Erlaubnis hat, unseren Interpol-Schriftwechsel einzusehen, Clem …«
»Ich lasse Sie dafür die Papiere über diesen Mr. O’Hanrahan unten sehen.«
Colonel Westin sog wieder Luft durch die geschlossenen Zähne. »Ich habe das höhere Dienstalter, Clem. Meine Akteneinsicht ist Code 5, und was sind Sie? A 4? Sie holen mir den Papierkram, Freundchen, und ich werde Ihnen vielleicht erlauben, sich die Sache mal anzusehen.«
»Entschuldigen Sie«, sagte Lucy, »wollten Sie sagen, daß unten Papiere über Dr. O’Hanrahan sind – oder daß Dr. O’Hanrahan selbst unten ist?«
Underwood strich sein schütteres Haar am Scheitel glatt, um sich zu vergewissern, ob nicht etwa ein leiser Windhauch seine sorgfältig geordneten Strähnen durcheinandergebracht hatte. »Ja«, sagte er schließlich, »Dr. O’Hanrahan befindet sich unten.«
Ärgerlich stand der Colonel auf. »Das hätten Sie mir sagen können, Clem.«
Lucy war überglücklich. O’Hanrahan! Wie betäubt ließ sie sich in einen anderen Gang und eine Halle mit schäbigen, aber sauberen alten Sesseln und Sofas führen, die letzte Ruhestätte für die Flughafenmöbel der dreißiger Jahre. Und da – ja! – sie erkannte die Rückseite seines silberhaarigen, schon leicht kahlen Kopfes.
O’Hanrahan wandte sich gerade um und rief ihren Namen: »Miss Dantan, Sie sind unter den Lebenden!« Er mühte sich auf die Beine, um sie zu begrüßen.
Sie umarmten einander, und Lucy, die erst jetzt bemerkte, wie verängstigt und zitterig sie war, seufzte leise. »Wo waren Sie?« fragte sie. »Ich dachte, daß … ich meine, ich habe gehört, Sie …«
Der Colonel unterbrach sie. »Sie sind also Patrick O’Hanrahan?« Mr. Underwood stellte
Weitere Kostenlose Bücher