Der dreizehnte Apostel
mit einigen sehr zwielichtigen Freunden und Sympathisanten.«
»Terroristen und Oppositionseinheiten«, ergänzte Colonel Westin. »Sie selbst eigentlich nicht, aber es bereitet ihrer Philosophie wahrscheinlich keine Probleme, wenn Flugzeuge abgeschossen oder Flughäfen in die Luft gesprengt werden. Die ursprüngliche Bewegung der Mu’tazilah entstand im 8. Jahrhundert als Reaktion auf Moslems, die sich lieber auf die wesentlichen Merkmale Gottes konzentrierten, was die Mu’tazilah als korrumpierenden Einfluss des Christentums ansahen. Wasil ibn-Ataah war der Begründer, und er hatte mit der Schule von Hasan al-Basri gebrochen. Wissen Sie, es gibt eine Geschichte von al-Basri, als er …« Der Colonel, der sich Notizen für seine Mappe machte, räusperte sich. »Könnten wir das etwas beschleunigen, Mr. O’Hanrahan?«
»Ja, natürlich. Die Mu’tazilah sind glühende antichristliche Puristen, die glauben – nun, zumindest einige von ihnen –, daß bestimmte Handlungen nicht bestraft werden und daß die Absicht des Herzens zum Guten oder zum Bösen das einzig Entscheidende für Allah ist, so daß Terrorismus zu einer attraktiven Möglichkeit wird.«
Ein griechischer Polizist erschien an der Tür und sagte etwas, das Underwoods Aufmerksamkeit erregte. »Was ist los?« fragte der Colonel.
»Oh, nur einige Papiere, die ich unterschreiben muss , um unserem gelehrten Freund hier aus der Patsche zu helfen«, erwiderte Underwood und versuchte, O’Hanrahan einen Klaps auf die Schulter zu geben. »Ich würde es schätzen, Clem, bei diesem Verfahren in jeder Hinsicht miteinbezogen zu werden.«
Underwood und der Colonel verließen den Raum, um mit den griechischen Behörden zu sprechen. »Sie beide bleiben hier«, befahl der Colonel streng.
Lucy und O’Hanrahan warteten einen Augenblick, bis die Luft rein war! Dann flüsterte O’Hanrahan rasch: »Haben Sie ihnen etwas von der Schriftrolle gesagt?«
»Nein.«
»Gut. Sagen Sie nichts. Ich wi ll nicht, daß diese al ten Knacker von der Botschaft sich einmischen. Diese Araber, mit denen Sie von Ouranopolis nach Athen
gefahren sind …«
»Aber sie haben mir gesagt …«
»Lassen Sie mich ausreden. Ich glaube, der Plan war, die Schriftrolle zu stehlen – die sie in meinem Besitz glaubten – und mir die Ikonenschändungen anzuhängen. Nachdem sie festgestellt hatten, daß die Schriftrolle nicht in meinem Besitz ist, haben sie sich wohl für einen Ersatzplan entschieden. Diese Typen wollten Sie als Geisel nehmen und Lösegeld verlangen.«
»Lösegeld?«
»Ja, und verlangt hätten sie das Matthäusevangelium .« Lucy nippte an ihrem Metaxa. »Ich vermute, Sie hätten mich ihnen überlassen, wenn es darum gegangen wäre, mich oder die Schriftrolle zu haben.«
»Bagdad ist zu dieser Jahreszeit sehr hübsch.« O’Hanrahan sprach leiser, als er sah, daß ein griechischer Beamter und Underwood vor der Tür hin und her liefen, ernst miteinander sprachen und dann einen Stapel von Papieren durchsahen, während der Colonel ihnen immer wieder über die Schultern spähte. Ein griechischer Polizist versuchte, sich in gebrochenem Englisch verständlich zu machen.
»Aber warum sollte eine muslimische Gruppe ein christliches Evangelium haben wollen?« flüsterte Lucy, als O’Hanrahan ihren Becher neu füllte. Der Professor hob die Augenbrauen. »Ein Bericht aus dem 1. Jahrhundert über den Vorläufer Mohammeds? Eine genaue Aufzeichnung aus der Zeit des Propheten Jesus, des Isa Mesih, fünfter großer Prophet des Islam?« Lucy nickte; sie begann zu verstehen.
O’Hanrahan schenkte sich selbst einen Metaxa ein. »Die Muslime behaupten, daß Jesus nicht am Kreuz gestorben, nicht auferstanden ist und so weiter. Nach meinem Verdacht zweifeln die Neuen Mu’tazilah nicht daran, daß dieser spektakuläre Kirchenfund bestätigen wird, was der Koran sagt, aber sie glauben nicht, daß die christliche Welt ein solches Dokument nicht verfälschen würde.«
»Und wenn diese Schriftrolle das wirklich tut?«
»Was?«
»Was ist, wenn das Matthäusevangelium beweist, daß Mohammed recht hatte? Was ist, wenn Matthias am Ende seines Evangeliums entscheidet, daß Jesus nur ein Mensch war und nicht der Sohn Gottes?«
»Wir haben das letzte Kapitel sowieso nicht, oder?« Colonel Westin und Mr. Underwood kamen wieder herein, und der Colonel räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen. »Nun gut. Wir haben Interpol erklärt, daß Sie vollkommen unschuldig sind, Miss Dantan. Und unsere
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