Der dreizehnte Apostel
daß es Zeit für Sie ist, nach Hause zu fliegen.«
»Kann ich das Ticket sehen?«
Dr. O’Hanrahan zog das Ticket der Olympic Airways aus der Tasche, auf dem die Einzelheiten wie Flugsteignummer mit Kugelschreiber notiert waren. »Hier, Luce. Und ich werde im Nu zurück in Chicago sein, und ich verspreche Ihnen, wir werden dann weiterhin zusammenarbeiten …« Lucy zerriss das Ticket.
O’Hanrahan sprang auf. »Was haben Sie da gemacht?«
»Ich gehe nicht zurück, bevor ich nicht bereit dazu bin; zum hundertsten Mal sage ich das. Ich bin so weit gekommen, und ich lasse mir den Fund des Jahrhunderts nicht vor der Nase wegschnappen … Sir«, fügte sie hinzu.
»Sie fliegen nach Hause, Baby, und wenn ich Sie selbst in einen Koffer packen muss !«
29. Juli 1990
Es war ein warmer Abend mit einer leichten Brise vom Saronischen Golf. Nachdem Lucy ihre Kabine in Besitz genommen hatte, spazierte sie nun am Deck entlang. Ein junger Steward, kaum älter als fünfzehn, hatte sie zu ihrer Kabine geführt und dabei frech geflirtet. Er hatte sie in die Geheimnisse der Wasserhähne und der Klimaanlage eingeweiht und ihr gezeigt, wie sie ihn rufen konnte, wenn sie irgendetwas brauchte.
Pass nur auf, mein K ouros , vielleicht rufe ich dich wirklich, dachte sie. Nach sechs Tagen, die sie mit Bürokratie und amerikanischem Papierkrieg verbracht hatten, waren O’Hanrahan und sie erleichtert, wieder unterwegs zu sein. Als ihr Schiff zu seiner dreitägigen Reise über Rhodos und Zypern nach Haifa auslief, schlenderte Lucy über das Deck und starrte auf die anderen Dampfer, die im Hafen von Piräus lagen. Ganz in der Nähe sah sie Hammer und Sichel auf einem sowjetischen Luxusdampfer vom Schwarzen Meer. Eine solche Reise war früher eine Belohnung für Parteifunktionäre gewesen, aber so arm, wie Russland nun war, würde es in diesem Sommer wohl nur wenige Privilegien verteilen. Lucy blickte hinaus auf die stille Ägäis, die wie dunkelvioletter Satin schimmerte, und den verblassenden rosa Himmel über der Halbinsel von Sounion, die nun in den Lichtern von Häusern und Straßenlaternen prangte. Am Ende der Halbinsel stand der Poseidontempel, aber bis sie die Spitze umrundeten, würde es schon dunkel sein, daher musste dieser Anblick auf den nächsten Besuch warten. Und sie wusste , daß es einen nächsten Besuch geben würde. Vom Deck über ihr hörte sie deutlich, wie O’Hanrahan sich räusperte. Er schien wieder einmal schlecht gelaunt, verdrossen über die Untätigkeit der letzten Nachmittage, die sie bei der Botschaft und bei griechischen Behörden verbracht hatten. Er stand da wie ein Masttopp und sah hinaus auf den Saronischen Golf – Xerxes, der den Hellespont abschätzt, eine Flasche zollfreien Ouzo in der Hand, in der anderen einen Styroporbecher.
(Wieder eine Nacht mit der Flasche, Patrick?)
Ach, schon wieder die Stimmen. Es ist mir egal, dachte er; ärgere mich, wie du willst, hetze mich mit meiner Vergangenheit. Bald werde ich fern sein von Griechenland und dich nicht mehr hören.
(Die Menschen in Jerusalem hören meine Stimme andauernd, also sei nicht so sicher.)
Das ist mein Abschied von Griechenland, dachte O’Hanrahan und füllte seinen Becher auf. Meine letzte Einkehr in Hellas – es ist, als würde mir ein Glied amputiert. Die seltsamsten Dinge bringen die zahlreichen Jahre mit sich, und über alles, was wir kennen, werfen sie ihren Schatten. Und wie die großen Tragödiendichter so gut wussten , ende ich wie jeder Mensch, alt und verwirrt und allein, und wenn ich irgendwie geadelt bin, dann nur durch den Schmerz. Die langen Tage boten vieles, was dem Schmerz näher ist als der Freude. Nicht geboren zu sein, ist vor allem anderen zu preisen.
(Aber so fühlst du in Wirklichkeit nicht.)
Nein, ich habe mein Leben geliebt, das weißt du. Und ich habe mich in der Zeit auf griechischem Boden selbst zum Narren gehalten, wenn ich daran dachte, was mit Eleni hätte sein können. Ich hätte es nicht geschafft, ihr ebenbürtig zu sein, sie glücklich zu machen. Ich habe genau das gebraucht, was ich bekommen habe: eine Frau, für die ich jemand Imposanter sein konnte, so jämmerlich es auch ist, das zuzugeben. Beatrice, selbst in ihren schlimmsten Phasen, hat mir immer zugeredet, daß ich weitermachen soll. Ich meine nicht das übliche Genörgle über mein Trinken oder darüber, wie ich mich auf Fakultätspar ties blamierte, sondern meine Arbeit, mein Schreiben.
»Es ist mir egal, wie du mich behandelst«, sagte
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