Der eiserne Gustav
einen Eugen Bast auszurotten. Nur langsam beruhigte er sich. Als er aufstand, hatte eine mitleidige Seele auf das Holz der Bank neben ihn einen Groschen gelegt.
Er sah ihn lange an. Es war seltsam: Am gleichen Tage, da er Eugen Bast betteln gesehen hatte, wurde auch er beschenkt.
Er nahm das Geldstück und warf es weit von sich in ein Gebüsch. Nein, keine Geschenke mehr. Aus eigener Kraft! Nur noch aus eigener Kraft!
16
Die Nationalversammlung hatte immer wieder unbeugsam zu einem Gewaltfrieden »nein« gesagt. Es hatte tausend Protestversammlungen im Reich gegeben. Die Redner hatten »nein« gerufen, und die Versammelten hatten ihnen zugestimmt.
Dann wird eine Delegation ernannt, die in Versailles die Friedensbedingungen der Gegner entgegennehmen soll. Aber eine einfache Delegation genügt nicht, die Gegner verlangen Minister, hohe Staatsbeamte; sie werden ernannt, sie treten ihre Reise nach Versailles an.
Das Volk wartet: Vielleicht wird alles gar nicht so schlimm, wie man fürchtete? Vielleicht ist der Feind gnädig?
Achtzig Mitglieder stark, von fünfzehn deutschen Pressevertretern begleitet, trifft die deutsche Delegation in Versailles ein. Sie werden fast wie Gefangene gehalten, niemand darf zu ihnen, nirgend dürfen sie hin – ein streng bewachtes Hotel ist ihre Heimstatt. Acht Tage läßt man sie warten, wie demütige Bittsteller im Vorzimmer des reichen Mannes haben sie zu warten, bis man geruht, ihnen die Bedingungen zu überreichen, durch die Deutschland bekennt, ein schuldiger, überführter Verbrecher zu sein, und verspricht, ewig der Sklave der anderen zu werden …
Sie reisen ab mit der Note der Schmach, sie geben sie bekannt. Sie rufen »nein«, wieder machen sie Protestversammlungen, sie wechseln Noten – verdorren soll die Hand, die ihre Unterschrift unter diesen Vertrag setzt! Sie rufen den Präsidenten Amerikas, Wilson, an, sie befragen Sachverständige, sie bitten, sie appellieren, sie drohen ein ganz klein wenig.»Unannehmbar« sagen sie und machen Gegenvorschläge. Einstimmig erklärt sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gegen diesen Gewaltfrieden. Aber nichts ändert sich. Die Noten sind umsonst gewechselt, die Proteste verhallen – von drüben heißt es unerbittlich: »Es gibt keine Verhandlungen!«
Plötzlich sagt die Nationalversammlung ja. Die eben noch nein riefen, sie sagen ja. Wenn die anderen nicht nachgeben, muß man schon selbst nachgeben. Wenn die anderen dabei bleiben, Deutschland ist schuldig, wenn jeder Widerspruch nichts erreicht, nun, so muß man sich schuldig bekennen. Festgeschlossen stimmt die Sozialdemokratie für Ja, festgeschlossen sagt das Zentrum: Annehmen …
Sie machen noch einige Vorbehalte, ein paar Ausstellungen …
Aber: »Es gibt keine Verhandlungen …« klingt es wieder.
Dann, am 23. Juni 1919, erklärt sich die Nationalversammlung mit der bedingungslosen Unterzeichnung des Friedensvertrages einverstanden. Ihre Mitglieder bescheinigen einander feierlich, daß sowohl wer mit Ja, wie wer mit Nein stimmte, nur aus vaterländischen Gründen handelte …
In der Spiegelgalerie des Schlosses von Versailles unterzeichnen zwei deutsche Minister den Vertrag. Man hat sie wie Gefangene durch Stacheldrahtverhaue geführt, eine schweigende Menge sah düster auf sie. Bei ihrem Rückweg wurden Verwünschungen laut. Steine wurden geworfen, leere Flaschen …
17
Durch die Große Frankfurter Straße geht Heinz Hackendahl, zwei Handköfferchen tragend. Der eine Handkoffer ist leicht, er enthält alles, was Heinz an Kleidung, Wäsche, Schuhwerk besitzt. Der andere Koffer ist schwerer, wenn auch nicht schwer. In ihm sind Bücher, Hefte, alles was sich in seiner Schulzeit an geistigen Vorräten angesammelt hat.Es ist der 1. Juli, ein recht heißer Tag. Vorgestern wurde der Friedensvertrag unterzeichnet.
Heinz geht an dem Zaun vorüber, hinter dem einstens der Fuhrhof seines Vaters lag. Als er an das Tor kommt, bleibt er stehen, setzt seine Koffer ab und sieht neugierig hinein. Der Hof scheint schon wieder seinen Besitzer gewechselt zu haben. In den langen Stall, der sonst die Pferde beherbergte, ist jetzt Tür neben Tür gebrochen: Garage liegt dort neben Garage. Autotaxen stehen auf dem Hof, ein Fahrer spritzt seinen staubigen Wagen ab.
Heinz nickt. Er ist nicht betrübt über diese Veränderungen, wenn sie auch zu dem »Vorbei« sagen, was sein Vater war. Heinz weiß, damit neues Leben entsteht, muß altes vergehen. Das ist nichts, worüber man
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