Der eiserne Gustav
einen Sinn in unserem Leben finden, daß uns das Leben wieder lebenswert erscheint – darum geht es doch! Darum geht es doch, Unteroffizier, doch nur um Sie und um mich! Und das wissen Sieauch ganz genau, und wenn Sie es nicht wissen, dann fühlen Sie es!«
»Doch, daß es auch mich angeht, das habe ich schon gefühlt, Herr Leutnant. Aber ich habe nicht gedacht, daß ich weiter wichtig wäre. Ich habe oft gewissermaßen ein schlechtes Gewissen gehabt, weil ich soviel an mich selbst dachte.«
»Da brauchen Sie kein schlechtes Gewissen zu haben, Unteroffizier. Daß der Mensch an sich selber denkt, das ist nur natürlich. Er muß nur nicht bloß an sich denken.«
Der Leutnant schwieg. Er klapperte jetzt mit den Zähnen, es war sehr kalt. In dem verdammten Loch konnte man sich nicht die geringste Bewegung machen, sonst hatten sie einen gleich spitz und schmissen eine Handgranate hinein.
»Unteroffizier!« sagte der Leutnant.
»Jawohl?« fragte Hackendahl.
»Es ist saukalt.«
»Jawohl, Herr Leutnant.«
Der Leutnant sah nach der Uhr. »Immerhin schon nach elf. Noch sechs Stunden – und es ist dunkel, und wir können zurück. Das ist auszuhalten.«
»Bestimmt«, sagte Hackendahl.
Vom Mond und den Leuchtkugeln redeten beide nicht mehr. Sie
mußten
diese Nacht zurück.
Der Leutnant brach eine Tafel Schokolade in der Mitte durch, reichte Otto die Hälfte. »Da, das ist noch Urlaubsschokolade, die haben sie mir noch ganz zuletzt als höchste Kostbarkeit überreicht. Ich finde, sie machen ein bißchen viel Wesens daheim von ihren Kohlrüben. Na, Schwamm drüber. – Ich war nämlich jetzt grade auf Urlaub, ich bin noch nicht ganz wieder hier eingewöhnt. – Wann waren Sie das letztemal auf Urlaub?«
»Noch gar nicht.«
»Was heißt: noch gar nicht? Sie meinen, hier aus der Stellung noch nicht? Wenn Sie seit Kriegsanfang draußen sind, müssen Sie doch schon zwei-oder dreimal auf Urlaub gewesen sein!«
»Nein, ich war noch gar nicht auf Urlaub.«
»Aber, Mensch, das ist doch nicht möglich!«
Der Leutnant richtete sich so plötzlich auf, daß Hackendahl ihm den Kopf mit der Hand herunterdrückte und warnend sagte: »Achtung, Herr Leutnant!«
»Ja so …« Und wieder: »Das gibt es ja gar nicht, seit über zwei Jahren im Feld – und immer hier im Westen, nicht wahr?«
Otto nickte.
»Also, das gibt es nicht! Da muß doch was vorgekommen sein.« Er sah sich den Mann an. »Aber nein, Kreuz und zum Unteroffizier befördert – da kann doch auch nichts vorgekommen sein.«
»Es ist auch nichts vorgekommen«, sagte Otto. »Es hat sich einfach nicht gemacht.«
»Nein, nein!« Der Leutnant dachte nach. »Warten Sie«, sagte er dann. »Wie hießen Sie doch?«
»Hackendahl.«
»Richtig! Hackendahl – deswegen kam mir der Name vorhin so bekannt vor. Ich habe von Ihnen gehört. Man erzählt sich von Ihnen …«
Er brach ab und sah Otto fast verlegen an. Otto erwiderte den Blick mit einem schwachen Lächeln.
»Ich weiß schon, was man sich erzählt«, sagte er. »Da ist ein Kerl bei der Fünften, der will partout nicht auf Urlaub gehen. Er muß verrückt sein, der Bruder – das erzählen sie.«
»Stimmt!« sagte der Leutnant erleichtert. »Aber so verrückt sehen Sie eigentlich nicht aus, Unteroffizier?«
»Ich bin auch nicht verrückt«, erwiderte Otto. »Ich gehe schon in Urlaub, aber erst muß es soweit sein.«
»Wie meinen Sie das – daß es soweit sein muß? Aber vielleicht frage ich Sie da nach ganz privaten Dingen …?«
»Privat sind sie schon, aber darum kann man doch einmal davon reden. Herr Leutnant haben ja vorhin auch gewissermaßen von privaten Dingen mit mir gesprochen …«
»Also schießen Sie los, Hackendahl! Ich bin doch gespannt, was einen Mann dazu bringen kann, zwei Jahre auf jeden Urlaub zu verzichten.«
»Es ist aber nichts, was mir besondere Ehre macht, Herr Leutnant. Das denken die bloß, die so von mir reden. Sondern es ist nur, weil ich daheim ein schlapper Kerl war, ohne Mut und ohne eigenen Willen. Ich habe aber jetzt gemerkt, ich bin nicht von Natur schlapp …«
»Das walte Gott!« sprach der Leutnant.
»Sondern es hat mich nur einer so gemacht. Ein ganz Bestimmter, der mir von früh auf allen eigenen Willen zerschlagen hat. Und nun habe ich da eine Schweinerei gemacht, kurz gesagt, Herr Leutnant, ich habe ein Mädchen, und wir haben auch ein Kind – und jetzt ist es schon über vier Jahre alt. Ein dutzendmal habe ich der Gertrud geschworen, ich will sie heiraten, noch
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