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Der ewige Gaertner

Der ewige Gaertner

Titel: Der ewige Gaertner Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Carre
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Durchhaltevermögen, ging Justin darüber hinweg und richtete seine Aufmerksamkeit lieber auf eine vor sich hin welkende, pfirsichfarbene Begonie, deren Topf zu nahe an der Kriegsheizung stand.
    »Ich habe hier eine Mitteilung aus der Buchhaltung. Wollen Sie gleich alles hören, oder wird es Ihnen zu viel?« Sie wartete gar nicht erst auf seine Antwort. »Sie erhalten selbstverständlich weiter Ihr volles Gehalt. Die Verheiratetenzulage, fürchte ich, muss gestrichen werden, mit Wirkung von dem Tag an, als Sie wieder ledig waren. Dies sind heikle Fragen, Justin, die aber dennoch in Angriff genommen werden müssen. Nach meiner Erfahrung tut man das am besten sofort und fügt sich. Die normale Rückreiseunterstützung hängt allerdings noch von der endgültigen Entscheidung über ihren weiteren Einsatzort ab, zur Anwendung kommt aber natürlich wiederum der Ledigentarif. Also, Justin, ist das jetzt genug?«
    »Genug Geld?«
    »Genug an Information, damit Sie vorläufig zurechtkommen.«
    »Warum? Gibt es noch mehr?«
    Sie legte die Häkelnadel beiseite und wandte sich ihm ganz zu. Vor Jahren hatte Justin einmal die Kühnheit besessen, in einem großen Kaufhaus an Piccadilly eine Reklamation vorzubringen, und war mit dem gleichen eisigen Geschäftsführerinnenblick konfrontiert worden.
    »Bislang nicht, Justin. Uns ist jedenfalls nichts weiter bekannt. Wir sitzen wie auf glühenden Kohlen. Der Fall Bluhm ist ungeklärt, und die ganze grausige Pressegeschichte wird weiterlaufen, bis so oder so Klarheit besteht. Und Sie treffen sich mit Pellegrin zum Lunch.«
    »Ja.«
    »Nun, er ist ein ungeheuer guter Mensch. Sie sind sehr standhaft gewesen, Justin, Sie haben unter großem Druck Haltung bewahrt, und das ist nicht unbemerkt geblieben. Sie waren bestimmt einer entsetzlichen Belastung ausgesetzt. Nicht nur nach Tessas Tod, sondern auch schon vorher. Wir hätten entschiedener vorgehen und Sie beide nach Hause holen sollen, solange es noch möglich war. Leider sieht so eine falsche Entscheidung in Fragen der Toleranz im Nachhinein oft aus, als hätte man es sich zu leicht gemacht.« Erneut verpasste sie dem Bildschirm einen Piekser und musterte Justin mit wachsendem Unwillen. »Und Sie haben der Presse keine Interviews gegeben, nicht wahr? Sie haben nichts verlauten lassen, offiziell oder inoffiziell?«
    »Nur der Polizei gegenüber.«
    Sie ließ es dabei bewenden. »Das werden Sie auch in Zukunft nicht tun. Versteht sich von selbst. Sagen Sie nicht einmal ›kein Kommentar‹. In Ihrem Zustand haben Sie das Recht, einfach den Hörer aufzulegen.«
    »Das wird mir sicherlich nicht schwer fallen.«
    Pick. Pause. Prüfender Blick auf den Bildschirm. Prüfender Blick auf Justin. Blick zurück auf den Bildschirm. »Und Sie haben keinerlei Papiere oder sonstige Unterlagen, die uns gehören? Die – wie soll ich es ausdrücken? – unser geistiges Eigentum darstellen? Man hat Sie das schon gefragt, aber ich muss Sie noch einmal fragen für den Fall, dass inzwischen etwas aufgetaucht ist oder in Zukunft auftaucht. Ist irgendetwas aufgetaucht?«
    »In Bezug auf Tessa?«
    »Ich spreche von ihren außerehelichen Aktivitäten.« Sie ließ sich viel Zeit, bevor sie erläuterte, was darunter zu verstehen sei. Und während sie es tat, wurde Justin langsam – und vielleicht reichlich spät – klar, dass Tessa gewissermaßen eine monströse Beleidigung für Alison darstellte, eine Schande für ihre Eliteschulen, ihre soziale Klasse, ihr Geschlecht, ihr Land und für den diplomatischen Dienst, den sie beschmutzt hatte. Wenn man diesen Gedanken weiterspann, war Justin das Trojanische Pferd, das Tessa in die Zitadelle hineingeschmuggelt hatte. »Ich denke an jegliche Art von Forschungsunterlagen, die sie, auf legitime oder andere Weise, im Zuge ihrer Ermittlungen oder wie immer sie das nannte, an sich gebracht haben könnte«, fügte sie mit unverhohlenem Abscheu hinzu.
    »Ich weiß nicht einmal, wonach ich suchen sollte«, beschwerte sich Justin.
    »Das wissen wir auch nicht. Und es fällt uns wirklich sehr schwer zu begreifen, wie sie überhaupt eine solche Haltung einnehmen konnte.« Plötzlich brach sich der Ärger, der in ihr geschwelt hatte, Bahn. Das hatte Alison nicht beabsichtigt, da war Justin sich sicher; sie hatte vielmehr mit aller Kraft versucht, ihn im Zaum zu halten. Aber jetzt war er offensichtlich ihrer Kontrolle entglitten. »Es ist wirklich sehr ungewöhnlich – besonders wenn man sich ansieht, was seither ans Licht

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