Der Graf von Sainte-Hermine - Dumas, A: Graf von Sainte-Hermine - Le Chevalier de Sainte-Hermine
vervielfachte die östliche Szenerie in diamantenen Girlanden und wiegte den westlichen Prunk in Rosenwogen. Die ruhigen Wellen verliefen sich sanft vor meinen Füßen am Ufer, und die erste Stille der Nacht und das letzte Murmeln des Tages kämpften miteinander an den Hängen, den Flussufern und in den Tälern.
Du, den ich nicht kenne, Du, dessen Name mir so unbekannt ist wie Dein Aufenthalt, Unsichtbarer, Erschaffer unseres Universums, der Du mir den Instinkt verliehen hast, alles zu empfinden, und die Vernunft verweigert hast, alles zu verstehen, solltest Du nur ein Hirngespinst sein, der goldene Traum des Glücklosen? Wird meine Seele sich mit dem Rest meines Staubes auflösen? Ist das Grab ein Abgrund ohne Ausweg oder die Pforte zu einer anderen Welt? Hat die Natur nur aus grausamem Mitleid dem Menschenherzen die Hoffnung auf ein besseres Leben neben dem menschlichen Elend eingegeben?
Verzeihe mir meine Schwäche, Vater der Barmherzigkeit: Nein, ich zweifle nicht an Deiner Existenz, und ob Du mir eine Laufbahn der Unsterblichkeit vorherbestimmt hast oder ich nur vergehen und sterben werde, ich verehre Deine Beschlüsse schweigend, und Dein Insekt verkündet Deine Wahrheit!«
Es lässt sich denken, welche Wirkung eine solche Sprache nach den Verwünschungen eines Diderot, nach den theophilanthropischen Erörterungen eines La Revellière-Lépaux, nach den geifernden und bluttriefenden Tiraden eines Marat zeitigen musste.
So kam es, dass Bonaparte, über den Abgrund der Revolution gebeugt, von dem er den Blick noch nicht zu wenden wagte, den rettenden Engel festzuhalten suchte, der diese Nacht des Nichts mit einem ersten Lichtstrahl durchdrang. Und als er Kardinal Fesch nach Rom entsandte, ordnete er ihm den großen Dichter bei, den Adler anstelle der Taube, der wie diese beauftragt war, dem Heiligen Vater den Ölzweig zu überbringen!
Doch es genügte nicht, Chateaubriand zum Botschaftssekretär zu ernennen, er musste die Ernennung auch annehmen.
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Die römische Gesandtschaft
Bonaparte zeigte sich von der Unterhaltung mit Monsieur de Chateaubriand entzückt. Monsieur de Chateaubriand wiederum berichtet in seinen Erinnerungen , Bonapartes Fragen seien einander so rasch gefolgt, dass er keine Zeit fand, ihm zu antworten.
Das waren Gespräche, wie Bonaparte sie liebte: solche, die er allein bestritt.
Es kümmerte ihn wenig, ob Monsieur de Chateaubriand diplomatische Erfahrung hatte oder nicht; mit einem Blick hatte er entschieden, wo und wie dieser Mann ihm nützlich sein würde, und er war der festen Überzeugung, dass ein Geist wie dieser alles wusste und nichts zu lernen brauchte.
Bonaparte war weiß Gott ein großer Entdecker von Menschen, allerdings mit der Eigenheit, dass er von ihren Fähigkeiten völlige Unterordnung unter seinen Willen verlangte, ununterbrochen der Geist sein wollte, der die Massen antrieb. Die Mücke, die ohne Bonapartes Genehmigung ihr Mückenliebchen umschwirrte, war eine rebellische Mücke.
Chateaubriand, den die Vorstellung marterte, jemand zu sein, jemand Bedeutendes, wäre nie auf den Gedanken gekommen, er könnte nur eine Sache sein. Er lehnte ab.
Abbé Émery erfuhr davon. Abbé Émery war Vorsteher des Priesterseminars von Saint-Sulpice, und Bonaparte schätzte ihn. Der Abbé flehte Chateaubriand an, der Sache der Religion einen Gefallen zu erweisen und die Stelle des Ersten Botschaftssekretärs anzunehmen, die Bonaparte ihm anbot.
Zuerst wollte Chateaubriand davon nichts hören, doch der Abbé blieb hartnäckig, und zuletzt lenkte der Dichter ein.
Chateaubriand traf seine Reisevorbereitungen und machte sich auf den Weg, denn als Botschaftssekretär musste er vor dem Botschafter in Rom eintreffen.
Für gewöhnlich beginnt der Reisende seine Reisen mit dem Besuch antiker Städte, den Ahnen unserer Zivilisation. Chateaubriand hatte mit den alten Urwäldern Amerikas begonnen, dem Schauplatz künftiger Zivilisationen.
Überaus pittoresk liest sich der Bericht dieser Reise nach Rom, verfasst in dem unnachahmlichen Stil Chateaubriands – einem gleichermaßen so erhabenen und eigenartigen Stil, dass eine Schule ihm nacheiferte, die uns Monsieur d’Arlincourt bescherte, dessen unsinnige Romane mit den Titeln Solitaire und Ipsiboé für kurze Zeit ganz Frankreich begeisterten, doch was Chateaubriands Einzigartigkeit ausmacht und worin seine Nacheiferer so kläglich scheitern, das ist die Mischung aus Schlichtheit und Größe, die bei ihm so natürlich und bei jenen so
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