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Der Greif

Der Greif

Titel: Der Greif Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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es›Nasses
    Feuer‹- auch eine Erfindung der Griechen, bevor sie sich in eine Nation von Schwächlingen verwandelten. Die Fracht ist ein Gemisch aus Schwefel, Leuchtpetroleum, Pech und
    Ätzkalk. Wie Ihr vielleicht wißt, Saio Thorn, erhitzt sich Ätzkalk, wenn er mit Wasser in Berührung kommt - und zwar genug, um die anderen Bestandteile zu entzünden, und
    diese brennen sogar unter Wasser. Wie Ihr bereits bemerkt habt, sind die khelai nicht besonders stabil. Ich habe folgendermaßen kalkuliert: Wenn ich sie nur wasserdicht genug mache, daß sie sicher nach Ravenna hineingelangen, werden sie - wenn sie am Ziel sind - mit Wasser vollaufen, der Ätzkalk wird sich erhitzen und...« Für einen Mann
    mittleren Alters lachte er wie ein kleiner Junge, »... und euax! Nasses Feuer!«
    »Phantastisch!« rief ich und meine Begeisterung war echt.
    Dennoch fühlte ich mich verpflichtet, eine Warnung zu
    äußern. »Ich könnte mir vorstellen, daß Theoderich Ravenna mehr oder weniger intakt einnehmen will. Es wird ihm nicht gefallen, daß Ihr die Hauptstadt des Landes in Schutt und Asche legt.«
    Lentinus lachte. »Eheu, darum braucht Ihr Euch keine
    Sorgen zu machen. Ich will Odoaker nur ein bißchen ärgern und verhindern, daß seine Krieger des Nachts gut schlafen.«
    Nach Einbruch der Dunkelheit schwammen einige
    Soldaten auf Lentinus' Befehl mit einem khele zur Mitte des Flusses und ließen es flußabwärts treiben. Dann glitten noch zwei weitere hinaus in die Dunkelheit. Als alle drei zu Wasser gebracht waren, ließen wir uns am Flußufer nieder und beobachteten den fernen Abendhimmel, der vom
    Widerschein der Lampen und Herdfeuer Ravennas rot
    überhaucht war. Wenn die Wachen auf den Stadtmauern die sich nähernden khelai überhaupt erblickten, hielten sie sie vermutlich für im Wasser treibende Baumstämme, weil der Fluß mit Treibholz angefüllt war. Jedenfalls schaffte es zumindest eine der Krebsscheren, durch die Stadtmauer und in die Kanäle der Stadt zu kommen. Wir beobachteten, wie der Himmel plötzlich aufglühte, und wir sprangen alle auf, schrien »Sau« und »Euax!« und schlugen uns gegenseitig auf den Rücken. Das griechische Feuer brannte lange, und wir stellten uns frohlockend vor, wie die Leute dort drüben entsetzt durcheinanderwurlten und vergeblich versuchten, eines Feuers Herr zu werden, das sich unerklärlicherweise nicht mit Wasser löschen ließ.
    Als der Abendhimmel wieder seine übliche Farbe
    zurückerlangt hatte, sagte ich zu Lentinus: »Ich danke Euch für die Unterhaltung. Morgen werde ich Euch und Eure
    Männer Euren Streichen überlassen. Ich reite südwärts und berichte Theoderich, was hier vor sich geht. Und ich werde Eure Erfindungsgabe in den höchsten Tönen loben.«
    »Bitte«, sagte er und hob die Hand. »Bitte respektiert meine Neutralität.«
    »Also gut. Dann lobe ich eben Eure Neutralität. Neutral oder nicht, Ihr werdet derjenige sein, der uns sofort einen Boten gen Süden schickt, wenn Ravenna des griechischen Feuers überdrüssig wird, seine Speisekammern
    leergegessen oder es einfach satt hat, belagert zu werden, und endlich aufgibt.«
    Doch Ravenna gab nicht auf.
    Gleichgültig blieb es in der Isolation, von seiner Umwelt abgeschlossen. Nicht ein einziger Bote tauchte auf, um über die Bedingungen zu verhandeln, nach denen die Übergabe der Stadt erfolgen sollte. Da für uns nichts mehr zu tun blieb als darauf zu warten, daß die lange Belagerung Odoaker und seine Leute zermürbte, beschloß Theoderich, die Lage zu ignorieren. Er widmete die folgenden Monate der
    Regierung seiner neu dazugewonnenen Gebiete, als würde deren verschlossene Hauptstadt und deren verbarrikadierter ehemaliger König nicht existieren.
    So begann er beispielsweise, unter seinen Kriegern das gute Land zu verteilen, das sie für ihn gewonnen hatten. Da offenkundig keine weiteren bedeutenden Schlachten
    anstanden, verteilte Theoderich seine Truppen in kleinen Streitkräften über das Land. Dann bewilligte er jedem
    Soldaten dieser Streitkräfte -
    mehr oder weniger in
    Nachahmung des traditionellen römischen Systems des
    Kolonats - in der jeweiligen Umgebung eine Parzelle (wenn der Soldat Land wollte), die ihm zur freien Verfügung stand: Er konnte das Land bewirtschaften, Vieh darauf weiden oder es bebauen. Natürlich wählten viele auch eine dem Wert der Parzelle entsprechende Summe Geldes, mit dem sie einen Laden, eine Schmiede, einen Stall oder irgendein anderes Geschäft in einer Stadt oder

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