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Der Greif

Der Greif

Titel: Der Greif Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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anziehendes Geschöpf aus Äthiopien. Ich grüßte sie höflich in allen mir bekannten Sprachen und Dialekten, aber sie lächelte nur schüchtern und schüttelte den Kopf.
    »Sie spricht nur ihre eigene Sprache«, sagte der Händler gleichgültig. »Nicht einmal ihren Namen weiß ich. Ich nenne sie Äffchen.«
    »Nun«, sagte ich, »sie ist dunkelhäutig, aber das ist
    lediglich eine ungewöhnliche Hautfarbe, keine große
    Seltenheit. Ich nehme an, daß sie, angesichts ihres Alters, noch Jungfrau ist. Aber auch Jungfrauen sind nichts
    Außergewöhnliches. Und im Bett kann sie noch nicht einmal reden. Wieviel verlangt Ihr für sie?«
    Der Ägypter nannte eine haarsträubende Summe, die
    ungefähr der gesamten, nicht unbeträchtlichen Summe
    entsprach, die Wyrd und ich für die Felle eines ganzen Winters erhandelt hatten.
    »Dafür könnte man eine ganze Galeerenladung
    jungfräulicher Schönheiten erstehen«, stieß ich hervor.
    »Was in aller Welt rechtfertigt diesen Preis? Und warum tut Ihr so geheimnisvoll?«
    »Ah, mein junger Herr. Die wahren Tugenden und
    Vorzüge von Äffchen liegen nicht offen zutage, denn sie rühren daher, wie sie seit ihrer Geburt aufgezogen wurde.
    Sie ist nicht nur schwarz, nicht nur wohlgeformt, nicht nur eine Jungfrau, sie ist auch eine Venefica.«
    »Und was ist das?«
    Er klärte mich auf, und was er sagte, war unerhört. Noch einmal starrte ich das schüchterne schwarze Mädchen an, von Ehrfurcht und Entsetzen gepackt.
    »Liufs Guth!« brachte ich hervor. »Wer würde solch ein Monster kaufen wollen?«
    »Oh, keine Sorge.« Der Ägypter zuckte mit den Schultern.
    »Ich muß Äffchen vielleicht noch eine ganze Zeitlang füttern und beherbergen, aber früher oder später wird jemand
    kommen, der sie nutzen kann und freudig den Preis, den ich verlange, entrichten wird. Ich bitte um deine Nachsicht, junger Herr, aber vielleicht kommt Ihr in Eurem Leben an einen Punkt, wo Ihr froh sein werdet, zu wissen, daß Ihr - so Ihr nur lange genug sucht und teuer genug dafür bezahlt -
    eine Venefica für Euren eigenen Gebrauch finden könnt.«
    »Betet zu Gott...«, mir war schlecht und ich wollte so schnell wie möglich weg von diesem Ort, »betet zu allen Göttern, daß es niemals soweit kommen wird.
    Nichtsdestoweniger danke ich Euch, Ägypter, zu meinem
    Wissen über die verruchten Pfade der Welt beigetragen zu haben.« Damit verließ ich ihn.
    Zur Essenszeit suchte ich die Taverne auf, die von den Händlern und Reisenden bevorzugt wurde, und aß und trank mit ihnen. Sie erzählten von den Nöten und Gefahren auf den Handelsrouten und prahlten mit den atemberaubenden Gewinnen oder beklagten die fürchterlichen Verluste, die ihnen diese oder jene Fahrt eingebracht hatte.
    In Constantias Amphitheater - kleiner als jenes, das ich in Vesontio gesehen hatte -
    besuchte ich athletische
    Wettkämpfe, Pferde- und Wagenrennen und Boxkämpfe. Ich lernte, Wetten zu plazieren, und manchmal gewann ich
    sogar. Zahllose Stunden verbrachte ich in den
    verschiedenen für Männer reservierten Thermen und lernte Leute kennen, mit denen ich Ringkämpfe veranstaltete oder mich sonstwie körperlich betätigte. Manchmal würfelten wir, spielten das Zwölflinien-Spiel oder Ludus, ein Ballspiel, das mit Schlägern gespielt wird - manchmal vertrieben wir uns die Zeit, indem wir jemandem lauschten, der mit volltönender Stimme Gedichte deklamierte oder die lateinischen Carmina Priscae oder die germanischen Saggwasteis fram aldrs
    vortrug. Constantia besaß eine öffentliche Bibliothek, aber dorthin ging ich nur selten. Sogar das Skriptorium von St.
    Damian war besser als diese Bibliothek, und ich entdeckte nur wenige Kodizes oder Schriftrollen, die ich nicht schon gelesen hatte. Auch die Basilika des Heiligen Johannes besuchte ich nur, wenn ich vor Langeweile zu ersticken drohte, denn ich empfand eine Abneigung gegen den
    Priester Tiburnius, seit ich Zeuge seiner »unfreiwilligen«
    Ordination geworden war und seine selbstgefällige
    Antrittspredigt gehört hatte.
    Die Straßen, Märkte und Plätze Constantias waren immer sehr bevölkert, aber mit der Zeit gelang es mir, die
    Einwohner der Stadt von Durchreisenden und
    Sommergästen wie mir selbst zu unterscheiden. Zwei
    Personen fielen mir besonders auf. Die Menge auf den
    Straßen war im allgemeinen unbotmäßig und rücksichtslos, man drängelte und benutzte seine Ellbogen. Aber alle traten unterwürfig zur Seite oder drängten sich sogar in die
    Hauseingänge, wenn

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