Der Hühnerführer: Roman (German Edition)
anzuklopfen. Alexander fragt ihn, was ihm einfalle. Slawik antwortet nicht. Er lockert den Bund seiner Gefängnishose und lässt sie bis zur Kniekehle hinuntergleiten.
Alexander fährt hoch, sein Schädel knallt durch die Matratze in Slawiks Rücken. Slawik rollt sich zu Seite. „Schlaf weiter oder steh auf. Aber nimm deinen Kopf aus meiner Pritsche.“
***
Die Luft ist bemerkenswert angenehm. Alexander hockt mit anderen Gefangenen in einer Ecke des Hofes und sieht zwei Häftlingen beim Dame-Spiel zu. Der Gewinner bleibt am einzigen Brett des Gefängnisses. Der Verlierer geht. Noch zwei Partien und er darf den Sieger fordern. Der Hofgang ist bald vorbei. Er weiß nicht, ob es sich noch ausgeht. Er wünscht, er hätte eine Uhr.
***
„Es ist komisch, dass sie Dich eingesperrt haben.“ Slawik bläst sich in die Handflächen, rudert wild mit den Armen, versucht, sich warm zu halten.
„ Wieso?“ Alexander hört auf das leise Knirschen des Schnees unter seinen Füßen.
„ Weil sie hier schon lange keinen mehr eingesperrt haben.“
„ Nein, das meine ich nicht“
„ Was meinst Du dann?“
„ Wieso knirscht Schnee?“
Slawik schüttelt den Kopf. „Du machst mir Spaß“
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Biologen, Lehrer, Schriftsteller, Mathematiker. Ein Gefängnis voller Denker. Er fragt den Physiker.
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Irgendwann denkt er daran, dass er Geburtstag gehabt haben muss. Dann fällt ihm ein, dass er auch die Geburtstage seiner Söhne und seiner Frau verpasst hat. Alexander fragt sich, was für ein Mensch das ist, der zuerst an seinen eigenen Geburtstag denkt und erst dann an den seiner Kinder.
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Er kaut an seiner zweiten Scheibe Brot. Die Butter schimmert grünlich, was nicht am Licht der Neonlampe liegt, die über der Tür angebracht ist. Er widersteht der Versuchung, das Brot zu schlingen. Stattdessen kaut er langsam, bedächtig. Er hat die Scheibe am Vortag gegen Zigaretten eingetauscht. Das Nikotin mindert zwar seinen Appetit, aber die Wochenrationen, die sie zum Rauchen bekommen sind zu gering, um den Hunger so lange zu dämmen, dass es sich auszahlt. Andere Häftlinge denken anders. Sie geben das Brot weg. Man bekommt eine Scheibe für eine halbe Zigarette. Die Butter darauf kostet zwei Zigaretten. So lange es kühl ist, bewahrt er Brot und Butter über Nacht auf. Das Brot ist dann noch fester, fast schon hart. Es täuscht seinem Magen eine größere Menge an Nahrung vor. Wenn es wärmer ist, bewahrt er nur das Brot auf, die Butter leckt er dann von der Scheibe ab. Sie ist ohnehin kaum genießbar. Eine Nacht in sommerlicher Wärme und das Brot darunter ist ebenfalls verdorben. Dass er seine Zigaretten gegen Brot eintauscht, erfüllt ihn mit einer seltsamen Energie. Für ihn bedeutet es, dass er nicht aufgegeben hat.
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„Die Kristalle.“ Alexander massiert sich beim Gehen die Fingerkuppen. Slawik zieht fragend die Brauen hoch.
„ Du weißt schon: 'Warum knirscht Schnee?' Wegen der Kristalle. Wenn man auf Schnee geht, werden die Kristalle zusammengedrückt und brechen. Dann knirschen sie. Sagt zumindest der Physiker. Eigentlich logisch.“
Slawik schüttelt den Kopf: „Du machst mir Spaß.“
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„Nein! Ich war es nicht! Wie auch? Wie hätte ich den Grenzbeamten erschießen sollen? Wie? Ich hatte ja nicht einmal eine Waffe dabei! Ich wusste ja nicht einmal, wo wir hinwollten! Wir hatten uns ganz sicher verlaufen! Ganz sicher! Woher hätte ich wissen sollen, dass wir schon in der CSSR waren? Woher?“
Slawik tätschelt ihm die Wangen, Alexander wacht auf.
Er glüht.
„ Du hast Fieber.“
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Es ist warm. Aber das Rasseln in der Lunge will nicht verschwinden. Auch der Husten nicht. Seine Brust schmerzt. Er fühlt sich schwach.
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Es gelingt ihm, von einem Sträfling, der in der Küche arbeitet, eine Halbe Zwiebel gegen zwei Zigarette einzutauschen
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Irgendwann ist es normal. Die Hustenattacken, die verschwommene Sicht. Die nässende Wunde am Kopf. Er ist irgendwann 50 geworden. Er wünscht, er sähe auch so aus.
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Die Zwiebeln helfen. Sein Körper saugt jedes einzelne Vitamin aus den Scheiben. Der Husten wird schwächer. Er hat das Gefühl, es wird besser.
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Dann wird es schlimmer.
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Die Wachen treiben sie zusammen. Es gibt keine
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