Der Menschensammler - Dicte Svendsen ermittelt Kriminalroman
dennoch:
»Kinder?«
Sein Lachen klang hart und bitter.
»Ja, das wäre schön. Bist du der Meinung, dass wir Gene haben, die wir unbedingt weitergeben sollten? Was ist, wenn meine Nierenkrankheit erblich ist?«
Sein Blick bekam etwas Berechnendes.
»Da wir gerade über Nieren sprechen, hast du dich schon entschieden?«
Er wäre ein hübscher Kerl, wenn er gesund wäre. Vor ihren Augen verwandelte er sich. Seine Haut bekam Farbe, und sein Körper wurde straffer. Er war groß und schlank und könnte eine Mutter sehr stolz machen. Wenn er eine Mutter hätte.
»Hast du?«
Sie schluckte, aber es half nichts. In ihrem Hals saß ein Kloß, der nicht verschwinden wollte.
»Hast du eine Freundin?«, fragte sie erneut. »Es muss doch |208| jemanden geben, den du magst? Jemanden, den du liebst und der dich liebt?«
In diesem Augenblick wünschte sie ihm nichts sehnlicher als das. Zweifelte aber gleichzeitig, dass so etwas in seinem Leben existierte.
»Liebe ist eine Erfindung der Werbeindustrie«, sagte er. »Was ist gegen einen guten Fick einzuwenden?«
Sie sah Lust in seinen Augen aufleuchten und rutschte irritiert auf ihrem Stuhl zurück. Sie hatte ihr Bestes gegeben. Langsam hatte sie ihre Gefühle wieder unter Kontrolle. Er wollte ein Tauschgeschäft, dann sollte er auch Vertragsabschlussverhandlungen führen.
»Okay, du hast gesagt, dass es sich um ein Geschäft und nicht um die Taten eines Serienmörders handelt. Über welche Art von Geschäft sprechen wir da?«
»Hast du dich entschieden?«, wiederholte er seine Frage. »Ich arrangiere einen Termin für dich, damit du dich mit der Stationsschwester über die Transplantation unterhalten kannst und erfährst, wie das alles so vor sich geht.«
Sie wägte ab, eine Unterhaltung konnte nicht schaden. Mit der Zusage zu einem Informationsgespräch ging sie noch keine Verpflichtung ein.
»Wenn du einen Termin abmachst, werde ich da sein. Aber dafür möchte ich auch von dir jetzt etwas haben.«
Sein Blick bohrte sich in sie. Sie wusste, dass er sie durchschaute und sich nicht zum Narren halten ließ.
»Hast du Angst vor dem Tod?«, fragte er unvermittelt. »Oder vielleicht sollte ich es anders formulieren: Wovor hast du am allermeisten Angst?«
Zum zweiten Mal in so kurzer Zeit tauchten die Bilder vom Jüngsten Gericht in ihrem Kopf auf. Sie schüttelte sie von sich ab, jetzt war sie diejenige, die versuchte, alle Gefühle weit von sich zu halten. Es streifte sie der Gedanke, dass sie sich vielleicht auch in dieser Hinsicht sehr ähnlich waren.
»Was hat das denn mit dieser Sache zu tun? Sollten wir nicht |209| bald mal zum Wesentlichen kommen, statt immer in dieser Gefühlssoße herumzurühren? Hattest du das nicht selbst gesagt? Dass du an Gefühlen nicht interessiert bist?«
Er beugte sich vor, soweit das die Maschine zuließ, an die er angeschlossen war.
»Selbstverständlich bin ich an Gefühlen interessiert. Mir ist es vollkommen egal, ob du für mich etwas empfindest. Ich zumindest selbst habe nicht den Schatten eines Gefühls für dich. Aber ich bin ein neugieriger Mensch, vielleicht ist das ja angeboren. Stell dir vor, ich bin so eine Art Einbrecher. Ich liebe es, mir einen Weg zum Kern eines anderen Menschen zu bahnen, und du bildest da keine Ausnahme.«
Er wurde von einer Krankenschwester unterbrochen, die hereinkam, um nach dem Rechten zu sehen.
»Wie geht es dem Hund?«, fragte er sie.
Die Krankenschwester, die laut Schild an ihrer Brust Ingrid Andersen hieß, war um die Mitte fünfzig, hatte eine mollige Figur und Oberarme, die ihre Kittelärmel bis auf den letzten Millimeter ausfüllten. Sie lächelte.
»Gut, danke. Er wird ein bisschen humpeln, aber ansonsten geht es ihm wieder gut.«
»Was für ein Glück, dass Sie ihn gefunden haben«, sagte Peter Boutrup. »Er ist ab jetzt ihr Lebensgefährte.«
Dicte bemerkte, wie Ingrid Andersen plötzlich die Tränen in die Augen schossen.
»Ganz genau«, schluchzte sie. »Er ist mein bester Freund.«
Peter Boutrup streckte seine freie Hand aus, griff nach ihrer und drückte sie.
»Ein Hund ist der beste Freund, den man haben kann. Das ist sehr gut, dass Sie so sehr auf ihn achtgeben, dann wird er Ihnen noch viele Jahre Freude bereiten. Denn Sie haben doch wohl nicht vor, sich gleich einen neuen Mann zu suchen? Jetzt, wo Sie den alten gerade losgeworden sind?«
Ingrid Andersen lachte.
»Nee, vielen Dank, darauf kann ich erst mal verzichten.«
|210| Er zwinkerte ihr zu.
»Ansonsten, sagen
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