Der Menschensammler - Dicte Svendsen ermittelt Kriminalroman
Sie mir einfach Bescheid, dann komme ich bei Ihnen vorbei mit Anzug, Blumenstrauß und Zylinder.«
Dieses Mal warf sie ihren Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus.
»Oh, das wäre schön. Aber ich glaube, ich halte mich jetzt erst einmal an den Hund.«
Peter Boutrup stimmte in das Gelächter mit ein. Dicte erkannte ihr eigenes, gurgelndes Lachen, wenn Bo einen seiner Spezialwitze erzählte.
»Das kann ich sehr gut verstehen. Mit so einem wie mir ist ja nicht besonders viel los«, sagte er.
Die Krankenschwester klopfte ihm mütterlich auf die Schulter.
»Sie werden das schon schaffen«, sagte sie auf dem Weg aus dem Zimmer und warf Dicte einen Blick zu. »Sie haben ein besonderes Talent für das Leben.«
Die Stille senkte sich über die beiden, als die Schwester das Zimmer verlassen hatte. Da sagte Peter Boutrup:
»Ihr Mann hat sie halbtot geschlagen, und trotzdem hat sie zwanzig Jahre gebraucht, um ihn zu verlassen. Jetzt hat sie nur noch den Hund, und der ist vor kurzem fast verblutet, weil er sich an einer Bierdose geschnitten hatte, die im Gras lag. Na, aber wo waren wir steckengeblieben?«
Dicte brachte kein einziges Wort heraus. Am liebsten wäre sie aufgestanden und gegangen. Niemand hielt sie zurück. Trotzdem blieb sie sitzen, während sie den Auftritt der Krankenschwester langsam verdaute und sich eine zunehmende Verwirrung in ihr ausbreitete. Es war ihr unmöglich, diesen sonderbaren Menschen einzuordnen. War er boshaft und berechnend oder einfühlsam und fürsorglich?
»Hast du Angst zu sterben?«, fragte er sie erneut.
»Hast du?«
Eigentlich hätte sie eine erneute Gegenfrage erwartet, aber offenbar hatte er beschlossen, ihr zu antworten.
|211| »Nein. Aber ich würde dieses Ereignis gerne noch ein bisschen hinauszögern. Ich habe noch so viel zu erledigen.«
Sie hatte keine Lust, danach zu fragen, weil sie wusste, dass er es erwartete. Auf sonderbare Weise löste er Trotz in ihr aus. Es war unübersehbar gewesen, dass er die Krankenschwester um den Finger gewickelt hatte, und wahrscheinlich konnte er das mit allen Menschen machen. Aber sie spürte ihre eigene Angst, auf die Liste der Leute zu geraten, die von ihm verzaubert worden waren. Er wollte keine Gefühle und schon gar nicht von ihr. Darum konzentrierte sie sich wieder ganz auf den Fall.
»Okay, ich habe dem Termin zugestimmt. Was hast du mir dafür anzubieten?«
Er legte den Kopf in den Nacken und sah sie prüfend an. Trotz der Zeichen seiner Krankheit konnte sie seinen Charme erkennen. Seine Augen leuchteten ihr fröhlich entgegen, als hätte er sich gerade an eine lustige Begebenheit erinnert.
»Du bist ein richtiger Spürhund, was?«
Sie antwortete nicht.
»Bist du denn überhaupt nicht neugierig? Willst du gar nicht wissen, wie ich dich gefunden habe?«
Die Fröhlichkeit hielt noch das Ruder, aber im Kielwasser war eine Ernsthaftigkeit aufgetaucht.
»Ich würde lieber etwas über dich erfahren«, sagte sie und hatte keine Ahnung, woher sie den Mut dazu nahm. »Hasst du mich? Siehst du dich selbst in mir?«
Er schien zu zögern. Es war, als würde sie hinter seine Fassade sehen können. Sie musste schlucken. In ihrem Kopf drehte sich alles. Würde er ihr einen Zugang zu sich gewähren? Sie hielt die Luft an, aber schon war dieser Moment wieder verstrichen, und sein Blick war so hart wie zuvor.
»Zeit ist kostbar für mich. Und darum vergeude ich sie weder mit hassen noch mit lieben.«
Sie starrten sich gegenseitig an, und sie gab jede Hoffnung auf.
|212| »Wenn das so ist, bin ich dafür, dass wir zur Sache kommen«, sagte sie. »Zum Stadion-Fall.«
Für einen Moment sah es aus, als hätte er alles darüber vergessen. Dann schloss er die Augen und lehnte sich gegen den Stuhlrücken.
Nach einer gefühlten Unendlichkeit öffnete er die Augen einen Schlitzbreit.
»Es ist schier unglaublich, wie viele Gesetze im Laufe des Frühjahrs in Kraft getreten sind«, murmelte er und sah aus dem Fenster, wo der Frühling praktisch über Nacht zum Sommer geworden war und die Sonne im Gras ihre Spielchen trieb. »Und nicht alle sind gleichermaßen sinnvoll.«
Sie blieb mucksmäuschenstill sitzen. Ein Teil von ihr wollte nachhaken, ein anderer Teil wollte ganz andere Sachen fragen, sie unterdrückte den Impuls aber mit aller Gewalt. Sie dachte nur an Blut und Wasser und spürte, wie dieses Band immer stärker wurde.
Er streckte den Arm aus und zog an einer Schnur. Innerhalb von dreißig Sekunden stand
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