Der Pfeil der Rache
Tätigkeit am Gray’s Inn ein Studium absolviert«, fügte er stolz hinzu. »Jetzt fällt es mir ein, mein Vater half dem Mädchen, das den Verstand verloren hatte.«
»Tüchtig«, sagte ich sachlich und dachte dabei: Ich kenne Euren Herrn Vater nun gut genug, um zu wissen, dass nicht ein Fünkchen Mitleid in ihm ist. Pfarrer Seckford hatte mir erzählt, wie Priddis dabeigestanden hatte, als man Ellen aus ihrer Zuflucht zerrte.
»Er ist nicht so hart, wie die Leute glauben«, sagte Edward steif. »Er hat eine schwierige Pflicht.«
»Man nannte mir noch eine Familie, die Ihr vielleicht kennt. Die Familie West.«
»O ja, sie haben Einfluss und besitzen viel Land. Mistress West hat in Rolfswood stets das Regiment geführt. Seid Ihr der Dame begegnet?«
»Ich kenne sie und ihren Sohn nur vom Hörensagen. Er ist jetzt Offizier der königlichen Flotte. Philip West. Er dürfte etwa Euer Alter haben.«
»Ich traf ihn ein-, zweimal als Knabe. Aber ich kehrte selten heim, als ich in Cambridge studierte. Ihr scheint genaue Erkundigungen eingezogen zu haben, Bruder Shardlake.«
»Es war eine interessante Geschichte.«
Edward brachte sein Pferd zum Stehen und blickte in die Landschaft. »Bei meiner Treu, Sir, es lässt sich doch unmöglich feststellen, welche Bäume hier einmal standen. Die alten Stümpfe sind allesamt überwuchert. Und wir kommen dem Waldsaum ein wenig zu nah für meinen Geschmack.«
»Schaut Euch die jungen Triebe an«, entgegnete ich ruhig. »Über die Hälfte davon sind Eichen. Und seht all die mächtigen alten Eichen dort im Wald.«
Edward gab sich den Anschein, besonders genau hinzusehen, obwohl ich sicher war, dass er wie ich längst alles bemerkt hatte. Dann wandte er sich mir zu und fragte ruhig: »Was versprecht Ihr Euch von diesem Fall, Master Shardlake?«
»Gerechtigkeit für Hugh Curteys. Dieser Wald bestand hauptsächlich aus Eichen, obwohl diese, Master Hobbeys Büchern zufolge, kaum ein Viertel der gefällten Bäume stellen.«
»Hugh Curteys gibt aber doch selbst an, er sei es zufrieden.«
»Er hat keinen Sinn für Geschäfte. Und als diese Wälder geschlagen wurden, war er noch ein Knabe.«
»Ihr würdet also vor das Vormundschaftsgericht treten und dann? Wollt Ihr Schadenersatz verlangen? Es würde Zeit und Geld erfordern, Bruder, und der gesamten Familie, einschließlich Hugh, viel Verdruss bereiten, die gerade eine große Tragödie erleben musste. Ein Sachverständiger müsste bezahlt werden, und er würde vermutlich nichts Schlüssiges entdecken. Bedenkt es wohl, Master Shardlake, ist es das wert? Zumal Master Hobbey Euch ein überaus vernünftiges Angebot unterbreitet hat?«
»Ihr wisst davon?«
»Bruder Dyrick hat mir davon erzählt.« Er hob die schweren Brauen. »Er schäumt vor Wut.«
Ich erwiderte seinen Blick. Er und sein Vater waren am Gewinn beteiligt, dachte ich. Aber ich hatte mich bereits dazu durchgerungen, Dyricks Angebot anzunehmen. Ohne Hughs Mitarbeit waren mir die Hände gebunden. Aber noch brauchte ich mich nicht festzulegen, da wir ohnehin würden bleiben müssen. »Ich überlege es mir«, sagte ich.
Er zuckte mit den Schultern. »Nun gut. Aber trotzdem meine ich, dass Ihr die Sache auf sich beruhen lassen solltet. Ihr wisst es wohl. Könnten wir jetzt zurückreiten? Ich habe die Sorge, Vater könnte sich überanstrengen.«
»Wie Ihr wollt.«
Als Edward sein Pferd wendete, ertappte ich ihn dabei, wie er insgeheim grinste. Er glaubte, den Fall bereits abgeschlossen zu haben.
* * *
Als wir das Haus betraten, war alles still, der alte Priddis saß allein am leeren Kamin. Er blickte auf. »Nun, Edward«, fragte er, »ist mit den Wäldern alles im Lot?«
»Master Shardlake und ich haben uns vernünftig unterhalten.«
Sir Quintin blickte mich lange an und knurrte dann: »Hilf mir, Edward, ich möchte aufstehen.«
Edward half dem Alten auf die Beine. Schwer atmend stand Sir Quintin da, und sein nutzloser Arm hing schlaff herab. Die Blässe seiner welken Hand erinnerte mich an das tote Gesicht der armen Abigail, und ich unterdrückte einen Schauder.
»Ich habe genug von diesem Ort«, sagte Sir Quintin verdrießlich, »alle sind gänzlich aus dem Häuschen. Ich möchte fort.«
»Gewiss, Vater«, antwortete Edward beschwichtigend. »Ich lasse die Pferde satteln. Übrigens«, fügte er unbekümmert hinzu, »Master Shardlake hat Rolfswood besucht. Er sprach von jener Tragödie in der Eisenhütte – weißt du noch? Als du noch Coroner warst.«
Sir
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