Der Schatten erhebt sich
die Packpferde zitterten, als habe man sie vor den Kopf geschlagen. Perrin machte den Mund auf, und sie funkelte ihn an. Wehe, er gab einen Kommentar zum besten! Am wenigsten konnte sie es leiden, in einer solchen Lage Sympathiekundgebungen zu erhalten. Er verzog das Gesicht und hielt also lieber den Mund.
Mit einemmal kam Loial aus dem Tor geschossen. Er sprang aus einem mattsilbernen Spiegel, aus seinem eigenen Spiegelbild heraus, und rollte sich auf dem Boden ab. Fast auf seinen Fersen erschienen zwei Trollocs, der eine mit Hammelhörnern und Ziegenbart, der andere mit einem Adlerschnabel und einem gefiederten Kamm. Doch bevor sie mehr als zur Hälfte draußen waren, färbte sich die silbrige Oberfläche im Tor schwarz, wölbte sich hinaus, schlug Blasen und hielt sie fest.
Stimmen flüsterten in Perrins Kopf, tausend plappernde, irrsinnige Stimmen, die nach dem Inneren seines Schädels krallten. Bitteres Blut. So bitter, dieses Blut. Trink das Blut und knack den Knochen. Knack den Knochen und saug das Mark. Bitteres Mark, süße Schreie. Singende Schreie. Sing die Schreie hinaus. Winzige Seelen. Ätzende Seelen. Schling sie herunter. So süß ist der Schmerz. Und so ging es weiter.
Kreischend und heulend schlugen die Trollocs auf die Schwärze ein, die um sie herum kochte, versuchten sich loszureißen und wurden doch immer tiefer eingesaugt. Schließlich ragte nur noch eine behaarte Hand heraus, krallte verzweifelt um sich, und dann war nur noch die Dunkelheit im Tor, wölbte sich ihnen entgegen und suchte. Ganz langsam erschienen die beiden Türflügel, schlossen sich und quetschten die Schwärze ein, bis sie wieder zurückquoll und sich im Inneren in Sicherheit brachte. Die Stimmen in Perrins Kopf verklangen endlich. Loial rannte hin und steckte nicht nur eines, sondern gleich zwei dreifingrige Blätter zurück unter die unzähligen Blätter und Ranken auf dem Tor. Das Tor verwandelte sich wieder zu Stein, zum Teil einer Steinwand, die bis ins kleinste kunstvoll bearbeitet war, und die einsam auf einem spärlich bewaldeten Berghang stand. Unter den unzähligen in Stein gehauenen Blättern und Ranken befanden sich nicht eines, sondern eben zwei Avendesora-Blätter. Loial hatte das dreifingrige Blatt aus dem Inneren nach außen ›verpflanzt‹.
Der Ogier seufzte tief und erleichtert. »Mehr konnte ich nicht tun. Es kann jetzt nur noch von dieser Seite her geöffnet werden.« Er sah Perrin gleichzeitig fest und verständnisheischend an. »Ich hätte es für immer verschließen können, wenn ich die Blätter nicht zurückgesteckt hätte. Aber ich will kein Wegetor zerstören, Perrin. Wir haben die Wege einst gezüchtet und gehegt. Vielleicht kann man sie eines Tages säubern. Ich kann kein Wegetor unbrauchbar machen.« »Es reicht doch auch so«, gab Perrin zurück. Waren die Trollocs ebenfalls zu diesem Wegetor gezogen, oder war das Zusammentreffen nur zufällig zustande gekommen? Aber wie auch immer, es würde reichen, das Tor von dieser Seite her zu verschließen.
»War das...?« begann Faile unsicher, doch dann hielt sie den Mund und schluckte. Ausnahmsweise einmal wirkten sogar die Aiel erschüttert.
»Machin Shin«, sagte Loial. »Der Schwarze Wind. Ein Geschöpf des Schattens, oder etwas, das aus dem Verderben der Wege geboren wurde. Niemand weiß das genau. Mir tun die Trollocs leid. Ja, sogar die.« Perrin war sich da nicht so sicher, selbst bei einem so schrecklichen Tod wie diesem. Er hatte gesehen, was die Trollocs zurückließen, wenn ihnen Menschen in die Hände fielen. Trollocs aßen alles, wenn es nur Fleisch war, und manchmal hielten sie ihren Fleischvorrat am Leben, bis er geschlachtet wurde. Er verschwendete kein Mitleid an Trollocs.
Trabers Hufe knirschten auf Steinbrocken und körniger Erde, als Perrin ihn wenden ließ, um sich umzuschauen.
Rund um sie herum ragten wolkenverhüllte Gipfel auf. Die immer und ewig dort oben hängenden Wolken hatten dem Bergland seinen Namen verliehen: die Verschleierten Berge. In dieser Höhe war die Luft kühl, selbst im Sommer, und ganz besonders, wenn man es mit Tear verglich. Die Spätnachmittagssonne leuchtete hinter den Gipfeln im Westen, und ihr Schein glänzte auf Bächen, die sich hinunter zu dem Fluß wanden, der auf der Talsohle weiter unten entlangströmte. Sobald er viel weiter im Südwesten die Berge verließ, nannte man ihn einst den Manetherendrelle, aber Perrin hatte ihn als Junge als den Weißen Fluß gekannt, der an der Südgrenze der
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