Der Seher des Pharao
Huy an seinem Umgang mit Sennefer gesehen hatte. Vater pflegte sich mir gegenüber genauso zu verhalten, dachte Huy traurig. Ehe ich aus dem Haus der Toten kam. Vor meiner Exorzierung.
Anhor trank einen Schluck Wein und sah auf. »Was ist?«
»Nichts«, antwortete Huy zögernd. »Ich habe nur gerade gedacht, dass du mich ein wenig an meinen Vater erinnerst. Bist du in Iunu aufgewachsen? Hast du Geschwister?«
»Fünf Schwestern.« Anhor stöhnte. »Drei sind noch zu Hause. Zwei konnte mein Vater verheiraten, eine mit einem Haushofmeister und die andere mit einem Soldaten.«
»Dein Vater lebt noch?«
»Er hat sich zur Ruhe gesetzt und bestellt ein Stück Land für den Tempel. Warum fragst du? Hat das etwas mit deinem Blick in meine Zukunft zu tun, die du mir nicht verraten willst?«
Huy lächelte. »Nein. Aber ich hoffe, meine Vorhersage für dich wird wahr.«
Anhor hob den Becher. »Wenn sie so gut ist, hoffe ich das auch. Schlaf gut.«
Am nächsten Morgen wurde Huy von einem Diener geweckt, der ein Tablett mit Brot, Ziegenkäse und Milch neben ihm aufs Bett stellte, das Öl in der Lampe auffüllte und, noch ehe Huy sein Frühstück beendet hatte, mit heißem Wasser und Leintüchern zurückkam. Er blieb höflich stehen und wartete, bis Huy, der sich zunehmend unwohl fühlte, ihn fragte, warum. »Um dich zu waschen, junger Herr, um deine beschmutzten Laken zu entfernen und schließlich in deiner Truhe nachzuschauen, ob du genügend Kleidung mitgebracht hast. Das hat der Oberpriester angeordnet.«
»Ich würde mich lieber selbst waschen«, protestierte Huy. »Und was Lendentücher und Schurze angeht: Da habe ich alle gebracht, die ich besitze, sie reichen gut für drei Tage.«
Der Mann legte den Kopf schräg. »Wenn das so ist, sorge ich dafür, dass deine Wäsche jeden Tag gewaschen wird. Falls du doch irgendwann mehr brauchst, lass es mich wissen. Ich bin dazu abgestellt, dich während deines Aufenthalts hier zu bedienen.«
»Du meinst, wenn ich mich mit Tusche bespritze oder in den Matsch falle.« Huy grinste. Eigentlich sollte er all die Annehmlichkeiten, mit denen er respektvoll überschüttet wurde, genießen. Es ist schon merkwürdig, dachte er, als kleiner Junge habe ich all diese Dinge als mein Recht betrachtet, aber heute vergrößern sie nur die Last der Erwartungen, die ich in allen Augen erkenne.
Der Diener gestattete sich ein kühles Lächeln. »Du sagst es, Meister Huy. Wenn du fertig bist, werde ich dich zum Arbeitszimmer des Oberpriesters begleiten. Im Moment ist er noch mit den Morgenopfern für Thot beschäftigt.«
Huy war erleichtert, als sich die Tür hinter dem Diener schloss. Er ist wie ein arroganter Pabast, dachte er, als er die Hände in das parfümierte Wasser tauchte und dann nach dem Soda griff.
Anhors ungekünstelte Begrüßung stellte Huys Gleichmut dann aber wieder her, als sie dem steifen Rücken des Dieners auf dem kurzen Weg zu den Privatgemächern des Oberpriesters folgten. Anhor nahm seinen Posten draußen vor der Doppeltür ein, und Mentuhotep kam hinter seinem Arbeitstisch hervor, um Huy die Hand zu schütteln. Er war von einer kräftigen Wolke Myrrhe und heiligem Kupit-Parfüm umgeben, die beim Gottesdienst im Tempel benutzt wurden. Das Kupit hatte sicher Huys Onkel Ker persönlich aus den ausgewähltesten Rosinen gewonnen. »Du hast gut geschlafen, nehme ich an?«, fragte Mentuhotep herzlich. »Chanun hat mir berichtet, dass du ziemlich beeindruckt von unserer heiligen Herrin Seschat warst. Das wird sie erfreuen. Komm her und setz dich. Das Buch Thot befindet sich in einem gesicherten Alkoven im Lebenshaus. Chanun hat es mir bereits gebracht.«
Mentuhotep öffnete das Kästchen und entnahm ihm einen sehr dünnen Hanfbeutel mit einem Papyrusetikett an der Kordel. Er sah es an. »Ja, das ist der zweite Teil«, sagte er und legte ihn vor Huy auf den Tisch. »Der vierte befindet sich auch in dieser Schatulle, ich darf sie nicht verwechseln.« Huy überkam plötzlich das Bedürfnis zu lachen. Doch er konnte es unterdrücken, als er Mentuhoteps Hand auf seiner nackten Schulter spürte. »Das Lesen selbst dauert nur ein paar Momente«, erklärte er. »Ramose schreibt, dass du die Texte des Buches schnell auswendig kannst. Daher bitte ich dich, die Rolle so wenig wie möglich zu bewegen und rasch wieder in den schützenden Beutel zu tun. Und lass sie nicht unbeobachtet. Du kannst hier solange du willst bleiben. Lass mich rufen, wenn du gehen willst.« Die Hand wurde
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