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Der Seher des Pharao

Der Seher des Pharao

Titel: Der Seher des Pharao Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Pauline Gedge
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einverstanden?« Huy nickte.
    Der Vorsteher ging in den Nebenraum. Der Diener kam heraus und ging weg, kurz danach kam auch der Vorsteher zurück, diesmal in ein weiches Gewand gekleidet, das mit weißen Lederschnüren gegürtet war. An einem Oberarm trug er das Band, das ihn als Vorsteher der Schule auswies. Er setzte sich nicht wieder hin, sondern stand mit gestrafften Schultern in der Türöffnung und atmete ruhig. Huy spürte, wie sich die Aura seines Amtes um ihn legte. Keiner sagte etwas, und Huy versuchte sich mit klopfendem Herzen die richtigen Worte für Sennefer zurechtzulegen, aber vor Aufregung fiel ihm nichts ein.
    Endlich verdunkelte sich der Eingang. Der Diener verbeugte sich vor dem Vorsteher und verschwand. Sennefer verbeugte sich auch. Er war barfuß und hatte seinen Schurz in der Eile nicht richtig gebunden. Seine Jugendlocke war nicht geflochten, sondern hing als unordentliche Strähne hinter seinem Ohr, und eine Schläfe war mit Kajal verschmiert. »Ich muss mich für mein Aussehen entschuldigen«, sagte er. »Ich habe geschlafen, als dein Diener kam, Meister. Was …« Dann entdeckte er Huy auf dem Hocker. »Ich hätte es wissen müssen!«, schrie er. »Ich habe dir gestern nicht wehgetan, Huy, doch du rennst zu meinem Vorsteher und petzt! Werde ich schon wieder bestraft?« Auf sein Geschrei hin verdunkelte sich der Eingang erneut: Anhors massige Gestalt hielt das Tageslicht ab.
    »Beherrsch dich, Sennefer!«, sagte der Vorsteher scharf. »Huy hat nichts von irgendwelchen Vorkommnissen gestern gesagt. Er hat darum gebeten, mit dir zu sprechen. Das ist alles.«
    Sennefers Blick wanderte zwischen ihnen hin und her und blieb dann auf einen Punkt unterhalb von Huys Kinn gerichtet. »Er hat gestern im Gang schon genug gesagt«, erklärte er verdrossen. »Bist du gekommen, um zu meinem schrecklichen Ende noch etwas hinzuzufügen, Huy, Sohn des Hapu?«
    Die Anstrengung, in Gegenwart seines Meisters den Hohn aus seiner Stimme zu nehmen, war ihm deutlich anzumerken. Der Kopf des Vorstehers fuhr bei seinen Worten zu Huy herum. Er öffnete den Mund, und Huy kam seiner Frage zuvor, indem er sich rasch erhob und vor Sennefer stellte. »Nein«, sagte er. »Nein, Sennefer. Ich habe dem nichts hinzuzufügen außer der Bitte, dass du dich änderst, wenn du kannst. Doch ich schäme mich ob der Gehässigkeit, mit der ich es dir gesagt habe. Solch eine Rohheit ist meiner unwürdig. Und deine Beschimpfungen waren deiner gleichfalls unwürdig.«
    »Unwürdig?«, stieß Sennefer wütend hervor. »Was gibt dir das Recht zu solcher Selbstgerechtigkeit? Ich habe in einem Moment wütender Unbeherrschtheit ein Wurfholz auf dich geschleudert, und seither fliegt es unablässig durch die Luft, dreht sich und dreht sich in meinem Geist, foltert mich mit seiner Bewegung, weil ich es nicht zurückholen kann. Ich bin durch diesen Moment ein Gefangener, während du …« Er schluckte schwer, seine Brust hob sich und Huy merkte, dass er den Tränen nahe war. »Für dich ist aus diesem Moment ein Triumph erwachsen, größer als sich ihn ein Bauer je hätte träumen lassen dürfen. Durch meine kurze Unbeherrschtheit ist dein ganzes Leben zur Belohnung geworden – eine Belohnung, die du nicht verdient hast! Du hattest überhaupt kein Recht, in dieser Schule zu sein, mit über dir Stehenden zu verkehren, mit dem Sohn des Fürsten einherzustolzieren, mit einer Klugheit anzugeben, die gewiss nicht von deiner dummen, gewöhnlichen Familie kommt.«
    »Du warst neidisch auf mich«, sagte Huy. Sein Magen fing an, sich zusammenzukrampfen. »Oh Götter. Sennefer, wenn du wüsstest, wie sehr ich mir wünsche, es wäre noch einmal der Tag, an dem du mich verletzt hast, und Thutmosis und ich würden auf einem anderen Weg zum Sportplatz gehen, sodass ich in Ruhe die Schule beenden könnte und am Ende nichts weiter als ein Unterschreiber würde!« Er presste die Hand auf seinen Bauch, wo der Schmerz zunahm. »Du kannst den Augenblick vergessen, wenn du willst. Du kannst mir alles verzeihen, was dir geschehen ist. Aber wie sehr ich mir auch wünsche, wieder der Junge von damals zu sein, mir steht diese Möglichkeit nicht offen! Bitte glaub mir, das, was du als Belohnung bezeichnest, ist ein Fluch! Bitte vergib mir und versteh es!« Entsetzt merkte er, dass er weinte.
    »Es ist egal, ob ich dir glaube oder nicht«, entgegnete Sennefer heiser. »Der Schaden ist angerichtet. Ich habe ihn angerichtet. Du hast ihn angerichtet. Ich bin schuld an einer

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