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Der Seher des Pharao

Der Seher des Pharao

Titel: Der Seher des Pharao Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Pauline Gedge
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wäre sie körperlich anwesend. Ischat, dachte er verblüfft. Wie lange ist es her, dass ich überhaupt daran gedacht habe, dass es dich gibt? Doch da bist du, und dein Auftauchen bringt mir dieselbe Art von Erleichterung und tröstlicher Vertrautheit wie damals, wenn du mit Lehm an den Füßen und zerzaustem Haar aus dem Obstgarten kamst. Du bist ein gewöhnliches Mädchen, eine Dienerin, aber ich weiß, dass du in einer ähnlichen Situation ein Verhalten wie das von Anuket für unter deiner Würde halten würdest. Die Vorstellung, Ischat würde sich mit raffinierter Absicht so über ihn lehnen, dass ihr Busen ihn streifte, während sie scheinbar nur eine Schüssel nahm, verursachte Huy Übelkeit. Nein, Ischat hätte ihn lauthals der Lüge bezichtigt, behauptet, dass er nicht bei seiner Mentorin gewesen sei, sondern mit irgendeiner billigen Hure herumgeschäkert hätte, und erklärt, dass sie wünschte, die Hexe sei tot. Dann wäre sie eifersüchtig aufgesprungen und aus dem Zimmer stolziert. Ischat hätte sich eher … eher anständig verhalten.
    Er stand abrupt auf. »Es ist spät. Ich muss meine Geschenke holen und gehen, Thutmosis. Ihr alle seid so großzügig. Ich kann meine Dankbarkeit gar nicht in Worte fassen.«
    Thutmosis erhob sich gleichfalls, und einen Moment lang sahen sie sich in die Augen. »Du musst ihr verzeihen«, sagte Thutmosis. »Sie ist dabei, zur erwachsenen Frau zu werden. Manchmal ist sie deshalb unausstehlich.«
    Huy antwortete nicht und dachte nur: Wie Ischat zu Zeiten. Sie dürfte gleichfalls rasch zur Frau reifen, nehme ich an, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihre Gefühle je anders als geradeheraus äußert. Ihr Bild wurde blasser, und das der verdrossenen, sich gehen lassenden Anuket schob sich davor. Huy überkam eine tiefe Traurigkeit.
    Am nächsten Morgen wurden ihm der erwartete Glückwunschbrief der Familie und das Geschenk von Methen in die Kammer gebracht. Der Vater wusste wenig mehr zu sagen, als dass er seinem Sohn ein langes Leben und Glück wünschte, doch was Huy wirklich schockierte, war die Mitteilung, dass sein Bruder Heby bald in die Tempelschule in Hut-Herib kommen würde. »Dein Bruder wird seinen vierten Namensgebungstag im Monat Mechir feiern«, hatte Hapu diktiert, »und dein Onkel Ker hat versprochen, ihn mit allem auszustatten, was für den Besuch der Tempelschule in unserer Stadt nötig ist. Wir beten, dass er so gut lernt wie du.«
    Langsam ließ Huy den Papyrus zusammenrollen und starrte hinaus in den strahlenden Tag. Vier Jahre! Mein Bruder ist bald vier Jahre alt!, grübelte er verblüfft. Und ich sehe ihn in Gedanken noch immer nackt durch den Garten krabbeln und unverständliche Laute von sich geben, während Hapsefa hinter ihm herläuft. Und was ist mit meinen Eltern? Wie sehr sind sie gealtert? Ich will sie nicht sehen. Nur Ischat. Er warf die Rolle hinter sich auf das Bett. Es verletzt mich, dass Ker all die Zuwendungen, die er mir entzogen hat, Heby geben wird, dass die wahre Liebe meines Vaters jetzt seinem zweiten Sohn gilt, dass ich für meine Familie zum Schatten geworden bin. Er versuchte, sich ehrlich einzugestehen, dass das seine eigene Schuld war, dass er sich Jahr um Jahr geweigert hatte, nach Hause zu kommen, aber das Gefühl von Verlassenheit blieb.
    Methen hatte ihm einen Stoß Papyrusblätter geschickt, die in Leinen gewickelt waren und in einem Kästchen lagen. »Mein Geschenk ist praktischer Natur«, hatte der Priester geschrieben. »Ein Schüler hat nie genug Papyrus. Nutze ihn, um mir zu schreiben.« Huy hielt das Geschenk an die Nase, um den vertrauten, trockenen Schilfduft zu riechen, und in seinem Herzen stieg plötzlich Sehnsucht nach dem Freund auf. Doch selbst um Methen oder Ischat zu sehen, würde er nicht nach Hut-Herib zurückkehren. Er setzte sich auf den Boden, nahm seine Palette auf die Knie und begann einen Brief an den Priester zu schreiben. Allmählich ließ der Schmerz in seinem Herzen nach.

13
    Sieben Monate nach Huys fünfzehntem Geburtstag, am siebzehnten Tag von Pachons, starb Pharao Thutmosis der Dritte. Es war der erste Monat von Schemu, und das Wetter war angenehm. Die kleinen, von Palmen gesäumten Felder Ägyptens trugen üppig grüne Pflanzen, und die Gärten quollen über von blühenden Blumen und rasch reifendem Gemüse. Es war die Zeit der Fruchtbarkeit, in der das Land am schönsten ist. Schon bald würden die Ernte und die sie begleitende Hitze einsetzen. Entsetzen und echte Trauer ergriffen

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