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Der Streik

Der Streik

Titel: Der Streik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ayn Rand
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Schultern hochgezogen, den Kopf halb gesenkt. „Gnade, Henry“, flüsterte sie.
    „Wie meinst du das?“
    „Verstehst du mich nicht?“
    „Nein.“
    „Nun …“ In einer wirr flatternden Geste der Hilflosigkeit breitete sie die Hände aus. „Nun …“ Ihr Blick schoss durch den Raum, sie versuchte, seinem aufmerksamen Blick auszuweichen. „Nun, es gibt so vieles zu sagen, und … und ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber … nun ja, da ist eine praktische Angelegenheit, aber die ist nicht wichtig an sich … das ist es nicht, warum ich dich hergebeten habe …“
    „Worum handelt es sich?“
    „Die praktische Angelegenheit? Unsere Unterhaltsschecks – Philips und meiner. Wir haben den Monatsersten, aber aufgrund dieses Pfändungsbescheids konnten die Schecks nicht eingelöst werden. Das weißt du, nicht wahr?“
    „Ja, das weiß ich.“
    „Nun, was sollen wir deswegen tun?“
    „Ich weiß es nicht.“
    „Ich meine, was wirst du deswegen unternehmen?“
    „Nichts.“
    Schweigend starrte seine Mutter ihn an, als zählte sie die Sekunden. „Nichts, Henry?“
    „Es liegt nicht in meiner Macht, etwas zu unternehmen.“
    Eindringlich und zugleich suchend musterten sie sein Gesicht. Er war sicher, dass seine Mutter ihm die Wahrheit gesagt hatte, dass unmittelbare finanzielle Sorgen nicht der Zweck ihrer Einladung, sondern nur das Symbol für ein viel weiter reichendes Problem waren.
    „Aber Henry, wir sind mittellos.“
    „Ich ebenfalls.“
    „Aber kannst du uns nicht etwas Bargeld schicken oder so?“
    „Sie haben mir keine Vorwarnung gegeben, keine Zeit, um Bargeld abzuheben.“
    „Dann … Schau, Henry, das kam so unerwartet, es hat die Leute erschreckt, denke ich – im Lebensmittelgeschäft wollen sie uns keinen Kredit geben, es sei denn, du bittest darum. Ich glaube, sie wollen, dass du ihnen etwas unterschreibst oder so. Also, wirst du mit ihnen sprechen und es in die Wege leiten?“
    „Nein.“
    „Nein?“ Sie erstickte ein leises Keuchen. „Warum?“
    „Ich werde keine Verpflichtungen eingehen, die ich nicht erfüllen kann.“
    „Wie meinst du das?“
    „Ich werde keine Schulden machen, die ich nicht zurückzahlen kann.“
    „Wie meinst du das, du kannst nicht? Diese Pfändung ist doch nur ein Formfehler, das ist nur vorübergehend, jeder weiß das!“
    „Ach ja? Ich weiß es nicht.“
    „Aber Henry, eine Lebensmittelrechnung! Du willst nicht sicher sein, ob du eine Lebensmittelrechnung bezahlen kannst, du , mit all den Millionen, die dir gehören?“
    „Ich werde den Lebensmittelhändler nicht betrügen, indem ich vorgebe, diese Millionen zu besitzen.“
    „Wovon redest du? Wer besitzt sie dann?“
    „Niemand.“
    „Wie meinst du das?“
    „Mutter, ich glaube, du verstehst mich sehr gut. Ich glaube, du hast es eher verstanden als ich. Es existiert kein Besitz oder Eigentum mehr. Das ist das, was du jahrelang gebilligt hast und woran du geglaubt hast. Du wolltest, dass mir die Hände gebunden werden. Es ist so weit. Deine Spielchen helfen dir jetzt auch nicht mehr.“
    „Willst du jetzt etwa wieder mit deinen politischen Ideen …“ Sie bemerkte seinen Gesichtsausdruck und brach ab.
    Lillian saß still da und sah zu Boden, als hätte sie Angst, in diesem Moment aufzublicken. Philip ließ die Fingerknöchel knacken.
    Seine Mutter zwang sich, ihn wieder direkt anzublicken, und flüsterte: „Lass uns nicht im Stich, Henry.“ Ein schwacher Anflug von Lebendigkeit in ihrer Stimme sagte ihm, dass der Schleier über ihrer wahren Absicht allmählich aufriss. „Wir leben in einer schrecklichen Zeit, und wir haben Angst. Das ist die Wahrheit, Henry, wir haben Angst, weil du dich von uns abwendest. Oh, ich meine nicht nur diese Lebensmittelrechnung, aber sie ist ein Zeichen. Vor einem Jahr hättest du nicht zugelassen, dass uns das passiert. Jetzt … jetzt kümmert es dich nicht.“ Sie machte eine erwartungsvolle Pause. „Oder?“
    „Nein.“
    „Nun … nun ja, das ist wohl unsere Schuld. Das wollte ich dir sagen. Wir wissen, dass wir schuld sind. Wir haben dich all die Jahre nicht richtig behandelt. Wir waren ungerecht zu dir, wir haben dich leiden lassen, wir haben dich ausgenutzt und dir nicht einmal gedankt. Wir sind schuldig, Henry, wir haben uns an dir versündigt, und wir gestehen es ein. Was können wir dir jetzt sonst noch sagen? Wirst du dich überwinden, uns zu vergeben?“
    „Was soll ich eurer Meinung nach tun?“, fragte er im klaren, nüchternen Tonfall

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