Der Streik
Stimme erstarb. Bisher hatte er nicht gewusst, wie die Zerstörung eines Menschen aussah; doch er wusste, dass er gerade Lillians Zerstörung mit ansah. Er sah sie in ihrem Gesicht, das in sich zusammenfiel, im plötzlichen Erschlaffen ihrer Züge, als gäbe es nichts mehr, was sie noch zusammenhielt, in den Augen, die blind waren, aber dennoch blickten, nach innen starrten, erfüllt von einem Entsetzen, wie es keine Bedrohung von außen erzeugen kann. Es war nicht der Blick eines Menschen, der den Verstand verliert, sondern der eines Verstandes, der sich vernichtend geschlagen weiß und zugleich zum ersten Mal seine eigene wahre Natur erkennt – der erkennt, dass er, nachdem er jahrelang die Nichtexistenz gepredigt hat, diese schließlich errungen hat.
Er wandte sich zum Gehen. Seine Mutter hielt ihn an der Tür auf und packte ihn am Arm. Mit einem verwirrten und zugleich sturen Blick klagte sie in einem letzten Bemühen um Selbsttäuschung in weinerlichem, beleidigtem, vorwurfsvollem Ton: „Bist du wirklich unfähig zur Vergebung?“
„Nein, Mutter“, erwiderte er, „das bin ich nicht. Ich hätte die Vergangenheit vergeben, wenn ihr mich heute gedrängt hättet aufzugeben und zu verschwinden.“
Draußen wehte ein kalter Wind, der ihm den Mantel wie bei einer Umarmung fest an den Leib drückte. Am Fuß des Hügels erstreckte sich das weite, frische Land und darüber der klare Himmel mit schwindendem Dämmerlicht. Ihm schien, als sähe er einen doppelten Sonnenuntergang: im Westen das rote Glühen der Sonne, ein gerader, unbewegter Streifen, und im Osten das Glühen seines Stahlwerks, ein flatterndes rotes Band.
Als er nach New York raste, empfand er das Lenkrad unter seinen Händen und die störungsfrei über die Schnellstraße dahingleitenden Räder als eigenartig stärkend. Äußerste Präzision und zugleich Entspannung verbanden sich zu einer mühelosen Handlung, die unerklärlich jugendlich auf ihn wirkte – bis er erkannte, dass er in seiner Jugend so gehandelt hatte und davon ausgegangen war, dass er immer so handeln würde, und da drängte sich ihm die schlichte, erstaunte Frage auf: Warum sollte man jemals anders handeln müssen?
Ihm schien es, als besäße die Skyline von New York, die sich nun vor ihm erhob, eine seltsam leuchtende Klarheit, obwohl die Umrisse noch in der Ferne verschwammen – eine Klarheit, die nicht von den Gebäuden auszugehen schien, sondern von ihm selbst. Er betrachtete die großartige Stadt unbeeinflusst von der Sicht anderer oder von dem Gebrauch, den andere von ihr gemacht hatten; es war keine Stadt der Gangster oder Bettler, der Obdachlosen oder Huren, sondern die großartigste industrielle Errungenschaft in der Geschichte der Menschheit. Sie bedeutete nur das, was sie für ihn bedeutete – sein Blick auf die Stadt war persönlich, besitzergreifend und aufgeschlossen, als sähe er die Stadt zum ersten oder zum letzten Mal.
Auf dem stillen Korridor des Wayne-Falkland blieb er vor der Tür der Suite stehen, die er gleich betreten würde. Er benötigte einen Augenblick, ehe er die Kraft aufbrachte, die Hand zu heben und zu klopfen: Es war die Suite, die Francisco d’Anconia einst bewohnt hatte.
Zigarettenschwaden zogen zwischen den Samtbehängen und den kahlen, polierten Tischen durch den Salon. Durch die kostbaren Möbel und die Abwesenheit persönlicher Gegenstände herrschte in dem Raum die Atmosphäre von tristem Luxus, die einer nur vorübergehenden Nutzung eigen ist – sie war ebenso trostlos wie die Atmosphäre in einer billigen Pension. Fünf Gestalten erhoben sich bei seinem Eintreten im Dunst: Wesley Mouch, Eugene Lawson, James Taggart, Dr. Floyd Ferris und ein dünner, krummer Mann, der wie ein rattengesichtiger Tennisspieler aussah und ihm als Tinky Holloway vorgestellt wurde.
„Also schön“, unterbrach Rearden die Begrüßungen, das Lächeln, die Angebote von Getränken und die Bemerkungen über den nationalen Notstand, „was wollen Sie?“
„Wir sind als Ihre Freunde hier, Mr. Rearden“, sagte Tinky Holloway, „ausschließlich als Ihre Freunde, zu einem informellen Gespräch mit Blick auf eine engere Zusammenarbeit.“
„Wir möchten uns unbedingt Ihr herausragendes Können zunutze machen“, sagte Lawson, „und Ihren fachkundigen Rat zu den Problemen einholen, vor denen die Industrie des Landes steht.“
„Männer wie Sie brauchen wir in Washington“, sagte Dr. Ferris. „Es ist ganz und gar unverständlich, dass Sie so lange ein
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