Der Tote vom Kliff
ein Ring um die Hüften zeichneten die Frau aus.
»Frau Balzkowski?«
Sie nickte und sah Lüder fragend an.
»Lüders, Kripo Schleswig-Holstein«, stellte er sich
bewusst neutral vor. »Erschrecken Sie bitte nicht. Es geht um ein paar Fragen,
die ich Ihrem Mann stellen wollte. Sie haben von Hubert Fixemer gehört?«
»Schrecklich«, sagte Frau Balzkowski und herrschte
ihre Tochter an, die mit offenem Mund dem Dialog gefolgt war. »Mach mal Platz
für den Herrn.« Dann winkte sie Lüder. »Kommen Sie doch rein.« Sie hielt ihre
Hände hoch und zeigte sie Lüder. »Entschuldigen Sie, aber ich bin gerade beim
Gemüseputzen. Wenn Sie das nichts ausmacht, können wir uns in die Küche
setzen«, verfiel sie ins Ruhrgebietsdeutsch.
In der Küche zeigte sie auf einen Stahlrohrhocker.
Lüder sah sich um. Die Fronten der Hänge- und
Unterschränke bestanden aus altweißen Kunststoffplatten, die an den Seiten mit
dunklen Holzleisten abgesetzt waren. Herd, Geschirrspüler, Kühlschrank,
Dunstabzugshaube – die Küche unterschied sich in nichts von Millionen anderer.
Am Ende der Arbeitsfläche drängten sich jede Menge elektrischer Geräte. Lüder
sah eine Kaffeemaschine, einen Toaster, eine Fritteuse, einen elektrischen
Dosenöffner und weitere Gerätschaften. Irgendwer in diesem Haus schien eine
ausgeprägte Vorliebe für elektrische Küchenhelfer zu haben.
Frau Balzkowski hatte auf einem Hocker jenseits des
Küchentisches Platz genommen. »Stört Sie hoffentlich nicht«, sagte sie und zeigte
auf die Gemüseberge, die zwischen ihnen lagen. »Mögen Sie ein Kaffee?« Ohne die
Antwort abzuwarten, wies sie ihre Tochter an. »Wonnchen. Schenk den Herr mal
ein Kaffee ein.« Dann schüttelte sie ihren Kopf. »Nee. Das is ein Ding, das mit
den Hubert. Ich kenn ihn ja nich. Aber Lothar hat von ihn erzählt. Wenn ich mir
das vorstell, mit seine Familie. Wie das den wohl nun geht. So ohne Vater.«
»Ihr Mann ist im Werk in Dortmund?«, fragte Lüder.
Hier würde er keine Auskünfte erhalten, die ihn weiterführen würden.
»Der ist inne Hütte«, bestätigte Frau Balzkowski. »Nee
– also sowat. Das wär nix für uns, was Wonnchen? Haben Sie unser Wohnmobil
gesehen, da draußen? Ganz neu. Das ist Lothars Traum. Machen wir ja schon lange. Zuerst haben wir gezeltet. An der Möhnetalsperre. Dann Holland. Und noch
mit unsern alten Wohnwagen sind wir dann in die Ferien immer unterwegs gewesen.
Auch auf Sylt. Darum is Lothar da jetzt noch mal hin, um mit den Alten zu
reden.«
Lüder horchte auf. »Sylt? Da haben Sie Urlaub
gemacht?«
»Schon eine Reihe von Jahren. Immer in Herbst. Dann
kriegen wir in Winter keine Erkältung, wenn man in die Herbstferien noch mal an
die See fährt.«
»Haben Sie dort einen Stammplatz?«
»Klar. In Morsum.«
»Waren Sie auch öfter in List?«
»Da hat uns das immer gut gefallen. Wegen die
Atmosphäre. Da laufen nich sonne aufgetackelten Leute rum wie woanders.«
»Sie kennen List gut?«
Frau Balzkowski nickte bedächtig. »Würd ich schon
sagen. Auch die Dünen sind da was für die Kinder.« Sie kicherte wie ein junges
Mädchen und hielt sich die Hand vor den Mund. »Nur nach Nackedonien sind wir
nich.«
Lüder sah sich in der Küche um. An der Wand hing ein
Memobord aus Kork. Dort waren ein Stundenplan, der Notrufkalender der
Apotheken, ein paar handgeschriebene Zettel und eine Fotografie angepinnt, die
eine Reihe von Männern zeigte. Lüder stand auf und betrachtete das Bild
eingehender. Fünf Männer, alle um die vierzig, sahen vergnügt in die Kamera.
Jeder trug einen blau-weißen Schalkeschal, zwei hatten ein Käppi in
Vereinsfarben auf. Vier der Männer schwenkten eine Bierflasche, nur Lothar
Balzkowski nicht.
»Das scheint eine feuchtfröhliche Truppe zu sein«,
sagte Lüder.
Frau Balzkowski nickte bestätigend. »Oh ja. Das können
Sie laut sagen. Wenn irgend geht, sind die Jungs auf Schalke dabei. Hier im
Pott sind die alle ein bisschen fußballverrückt. Warum auch nich.«
»Und reihum muss einer nüchtern bleiben und die
anderen nach Hause fahren.«
»Nee.« Frau Balzkowski lachte herzhaft. »Das macht
immer Lothar.«
»Ihr Mann trinkt keinen Alkohol?«
»Da is er vorsichtig. Lothar rührt kein Tropfen an. Er
hatte mal als Kind eine Gelbsucht. Darum trinkt er nich. Das verträgt er nich.«
»Gibt es Ausnahmen? Zum Geburtstag? Ein Glas Sekt
Silvester zum Anstoßen?«
»Nee. Nie. Lothar is da richtig konsequent. Das hat
ihm auch meine Schwägerin eingebläut, die arbeitet
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