Der verlorene Sohn von Tibet
»Dolan muß gewußt haben, daß die Kunstwerke, die Ming ihm verkauft hat, aus dem Museum stammten. Er war ein anspruchsvoller Sammler, und Ming muß ein Vermögen erhalten haben, sonst wäre er nie ein solches Risiko eingegangen. Vielleicht gab es irgendwo einen Mittelsmann, einen Kunsthändler, aber Dolan wußte, daß er keine Reproduktionen erhielt. Die beiden haben gemeinschaftlich ein Verbrechen am chinesischen Volk begangen. Doch dann geriet Ming in Schwierigkeiten und mußte die Exponate dringend zurück nach Peking schaffen. Dolan beschloß, sich die Hilfe teuer vergelten zu lassen. Diesmal gab es also zwei Teams. Ming ließ Lodi und Punji die Artefakte aus Seattle abholen. Dolan oder sein Bevollmächtigter schickte im Gegenzug Khan und Lu nach Peking, um dort etwas zu stehlen. Es sollte die Bezahlung für die Rückgabe der Kunstwerke sein.«
»Dolan wollte das Wandgemälde?« fragte Corbett. »Unmöglich.«
Shan schaute zu McDowell. »Es war alles vorher besprochen und aufeinander abgestimmt. Deshalb wurden die Verbrechennahezu gleichzeitig begangen. Ming und Dolan haben einander nicht mehr vertraut.«
»Dolan«, wiederholte Corbett fassungslos. »Er würde sich niemals selbst die Hände schmutzig machen. Aber er hat einen Kunsthändler in Seattle.« Der Amerikaner dachte nach. »Nichts davon erklärt, wieso Ming und McDowell Gegner sein sollten.«
»Dazu ist es erst kürzlich gekommen«, vermutete Shan. »Als Ming anfing, alte Tibeter zu verhaften und Hausaltäre zu schänden. Ich glaube ihr, wenn sie behauptet, sie wolle, daß alle Fremden aus Lhadrung verschwinden.«
Punji drehte sich zu Shan um und nickte dankbar. »Mings Überheblichkeit wird eine Weile verhindern, daß er die Wahrheit erkennt. Falls wir nicht letzte Nacht diese Grabstätte angelegt hätten, wäre er jetzt hier. Er ist total verbohrt. Er würde Soldaten mitbringen und jeden erschießen lassen, der ihm in die Quere kommt. Er hält sich für unbesiegbar.«
» Sie kommen ihm in die Quere«, stellte Shan fest.
»Aber ich kenne ihn. Ich kenne sie alle. Begreifen Sie denn nicht, daß nur ich Zhoka vor diesen Leuten retten kann, ohne daß jemand verletzt wird?« Sie sah Shan an, und ihre Augen wirkten so hoffnungsvoll, daß er ihr glauben wollte. »Wie kommen wir also auf die nächste Ebene?«
»Das Ziel des Tempels ist Erleuchtung«, sagte Lokesh. »Man muß sich diesem Ort als Pilger nähern.«
Punji verzog das Gesicht. »Dann erleuchten Sie uns bitte, wie man durch dieses Labyrinth gelangt.«
»Ich glaube«, sagte Lokesh bedächtig, »es gibt gar kein Labyrinth.«
Die Frau stöhnte genervt und hielt ihre Lampe in Richtung der Kapellen, die sie noch nicht erforscht hatten.
»Er meint, daß für all jene, die das Geheimnis durchschauen, der Weg deutlich zu sehen sein wird«, mutmaßte Shan und näherte sich seinem alten Freund. Punji wandte sich wieder zu ihnen um.
»Im Eingangsraum standen zwei Inschriften«, erklärte Lokesh. »Die erste besagte, die größte Weisheit sei die Nichtachtung äußeren Scheins. Die zweite stammte ebenfalls aus einemalten Lehrtext. Wir suchen anderswo nach dem einzigen, das uns gehört.«
»Du glaubst, der Zugang zur nächsten Ebene befindet sich gleich dort vorn«, sagte Shan.
»Anfangs bin ich nicht darauf gekommen«, sagte der alte Tibeter und strich sich über die grauen Bartstoppeln. »Jetzt aber vermute ich, daß zumindest die Lösung des Rätsels dort zu finden ist.«
McDowell drehte sich um und leuchtete nach hinten. »Gehen wir«, sagte sie.
Wenig später erreichten sie die Kapelle, in der Khan die anderen bewachte. Ko hockte dicht neben dem großen Mongolen und schien beiläufig mit ihm zu plaudern.
McDowell flüsterte Khan etwas ins Ohr, lächelte Ko zu und befahl dann Lu, bei seinem Freund und dem Rest der Gruppe zu bleiben. Dawa, Liya und Ko sollten auch weiterhin als Geiseln dienen, damit die vier Männer keinen Fluchtversuch unternahmen.
»Warum sollten wir Ihnen helfen, das Rätsel zu lösen?« fragte Corbett, als sie die Eingangskammer betraten. »Wegen Ihnen wurde dieses Mädchen umgebracht.«
»Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Ihnen zu beweisen, daß wir niemanden ermordet haben«, sagte die Britin. »Aber vorerst gibt es drängendere Probleme. Bringen Sie mich zu den Aufzeichnungen, die irgendwo da oben liegen müssen, und lassen Sie uns aus Zhoka verschwinden. Sie sind doch angeblich ein genialer Kunstdetektiv – helfen Sie mir herauszufinden, wohin der
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