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Der Wald der Könige

Der Wald der Könige

Titel: Der Wald der Könige Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Edward Rutherfurd
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es vermutlich erschienen, als kleide sie sich auch weiterhin in der Mode ihrer Jugendzeit. Denn da sie weder bei Hofe noch in London verkehrte und zweifellos stolz auf ihre prächtigen Gewänder war, fiel sie – wie so viele ältere Damen – ohne es zu bemerken ein oder zwei Jahrzehnte hinter die Mode zurück. Anstatt der großen Halskrause, die man heutzutage trug, beharrte sie auf einem schlichten Flügelkragen. Ihr schwerer Mantel, der bis zum Boden reichte, hatte geschlitzte Puffärmel, die – wie vor vielen Jahren üblich – in Richtung Handgelenk eng zuliefen. Dazu trug sie ein reich besticktes Unterkleid. Auf dem Kopf hatte sie für gewöhnlich einen dichten Schleier, der von einer Spitzenhaube gehalten wurde. Doch für die Reise hatte sie sich für eine kecke Männerkappe mit einer Feder entschieden. An einer Kette um ihre Taille hing ein pelzgefütterter Muff. Ein Fremder hätte sie gewiss für das Sinnbild altmodischen Charmes gehalten. Aber ihr Sohn wusste es besser.
    Sie war ganz in Schwarz gehüllt: schwarzer Hut, schwarzer Mantel, schwarzes Unterkleid. Seit dem Tod von Königin Maria Tudor vor dreißig Jahren kleidete sie sich so, da es – in ihren Worten – seither keinen Grund gegeben hatte, mit dem Trauern aufzuhören. Doch das Erstaunliche an dieser Aufmachung war, dass die Stickerei ihres Unterkleides und auch das Innenfutter ihres steifen Kragens von einem grellen Scharlachrot waren wie das Blut der Märtyrer. Seit einem halben Jahr nun schmückte sie ihr Trauergewand mit roten Verzierungen, offenbar verband sie eine Botschaft damit.
    Ihr Sohn betrachtete sie fragend. »Warum sprichst du vom Tod, Mutter? Ich hoffe, du bist bei guter Gesundheit?«
    »Ja, das bin ich durch die Gnade Gottes. Ich habe deine Gesundheit gemeint.«
    »Meine? Soweit ich weiß, bin ich wohlauf.«
    »Vor dir, Clement, liegt vielleicht großer irdischer Ruhm. Jedenfalls bete ich dafür. Doch wenn es nicht dazu kommt, sollten wir uns ebenso über die Krone des Märtyrers freuen.«
    »Ich habe nichts getan, was mich zum Märtyrer machen könnte, Mutter«, erwiderte er beklommen.
    »Das ist mir klar.« Fast vergnügt lächelte sie ihn an. »Und deshalb habe ich die nötigen Schritte unternommen.«
    Nach dem Ende der Rosenkriege vor einem Jahrhundert und einem letzten Gemetzel unter den Mitgliedern des Königshauses, hatte eine neue Dynastie, die Tudors, den englischen Thron bestiegen. Da sie von einem unbekannten Zweig der Plantagenets abstammten – und überdies von der mütterlichen Seite –, setzten sie alles daran, ihr Recht auf die Krone zu behaupten. Und deshalb waren sie die eifrigsten Verfechter der heiligen römisch-katholischen Kirche geworden. Doch als der zweite Herrscher aus dem Hause Tudor seine Ehe annullieren lassen wollte, um endlich einen männlichen Erben zu zeugen, hatte die Politik die Oberhand über die Religion gewonnen.
    Der englische König Heinrich VIII. geriet in Streit mit dem Papst, ließ sich von seiner spanischen Gemahlin scheiden, erklärte sich zum Oberhaupt der Kirche von England und ging mit beispielloser Grausamkeit gegen Andersgläubige vor. Sir Thomas Moore, der fromme alte Bischof Fisher, die tapferen Mönche des Londoner Stiftshauses und noch viele andere starben den Märtyrertod. Die meisten von König Heinrichs Untertanen ließen sich einschüchtern oder standen der Sache gleichgültig gegenüber. Doch das galt beileibe nicht für alle. Im Norden von England brachte ein großer katholischer Aufstand – die so genannte Pilgrimage of Grace oder Pilgerschaft der Gnade – selbst den König zum Erzittern, wurde allerdings bald niedergeschlagen. Aber das englische Volk, insbesondere auf dem Lande, war keineswegs damit einverstanden, seine alten religiösen Bräuche aufzugeben.
    Allerdings konnten fromme Katholiken zumindest während König Heinrichs Lebenszeit wenigstens darauf hoffen, dass die wahre Kirche wieder zu Amt und Würden gelangen würde. Andere Herrscher mochten sich von den Lehren Martin Luthers und einer neuen Generation protestantischer Kirchenführer beeindrucken lassen, die überall in Europa lauthals Veränderungen forderten – König Heinrich hingegen hielt sich eindeutig für einen frommen Katholiken. Wohl wahr, er hatte die Unfehlbarkeit des Papstes angezweifelt, sämtliche Klöster schließen lassen und ihnen ihre riesigen Ländereien abgenommen. Doch er behauptete, damit nur päpstliche Fehler wieder gutmachen zu wollen. Die englische Kirche folge auch

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