Der Wolkenatlas (German Edition)
noch die belastende Armbrust in der Hand hielt, und ließ sie fallen, als wäre sie hundert Celsius heiß. Vorstand Mephi sah sich im Labor um und roch an der Soju-Flasche. Das plündernde achtarmige Monster im 3D lenkte ihn ab. Boom-Sook hantierte hektisch mit der Fernbedienung, ließ sie fallen, hob sie wieder auf, drückte auf STOP, bemerkte, dass er sie verkehrt herum hielt, drückte wieder auf STOP. Die Geduld des Vorstands war zutiefst bedrohlich; er wartete gespannt auf Boom-Sooks Erklärung, warum er einen Versuchsduplikanten der Fakultät für Schießübungen missbraucht hatte.
Auf die Erklärung bin ich auch gespannt.
Boom-Sook ließ nichts unversucht. Es sei unverzeihlich, dass er sich am Sextettabend betrunken hatte; er habe seine Prioritäten falsch gesetzt, Stresssymptome missachtet, sich die falschen Freunde ausgesucht, es mit der Bestrafung seines arroganten Forschungsobjekts übertrieben. Letztlich sei Fang an allem schuld. Seine wenig überzeugenden Ausflüchte entlarvten ihn als schlechten Lügner.
Herr Chang kam mit einem Medikubus, besprühte mein Ohr, betupfte es mit Koag und versah es mit einem Pflaster. Boom-Sook fragte, ob mein Ohr wohl wieder heilen würde. Vorstand Mephi antwortete ihm, seine Promotion sei hiermit beendet. Als der verdutzte X-Dok begriff, was das bedeutete, wurde er kreidebleich.
Herr Chang drückte freundlich meine blutüberströmte Hand und sagte, das Ohrläppchen sei abgerissen. Ein Med würde es am nächsten Morgen ersetzen. Ich fürchtete mich schon vor Boom-Sooks Schuldzuweisungen, sobald wir allein wären, aber Herr Chang sagte, Vorstand Mephi und er würden mich in ein neues Zuhause bringen. Ich solle mit ihnen kommen.
Das war doch bestimmt eine erfreuliche Neuigkeit.
Ja, wäre da nicht mein Sony gewesen. Wie sollte ich ihn mitnehmen? Mir fiel keine Lösung ein, also nickte ich widerspruchslos und hoffte darauf, ihn irgendwann in den Sextettferien abholen zu können.
Wie erklärte der Vorstand deine Rettung im letzten Moment?
Ich fragte ihn nicht danach; mein Retter erklärte es mir später. Die Wendeltreppe erforderte meine ganze Konzentration; Abstiege sind schwieriger als Aufstiege. Vor den Fenstern der Eingangshalle wirbelten tanzende Schneeflocken. Herr Chang überreichte mir einen Kapuzenmantel und Schneenikes.
Vorstand Mephi lobte ihn belustigt für das geschmackvolle Zebradesign. Herr Chang erwiderte, Zebrastreifen seien in den eleganten Straßen von Lhasa das absolute Modehighlight dieses Winters.
Ich erfuhr, dass ich zur Eintracht-Fakultät am Westrand des Campus gebracht wurde. Vorstand Mephi entschuldigte sich dafür, dass ‹die drei Xec-Ratten› ungehindert mit meinem Leben hatten spielen können, aber aufgrund der Wetterverhältnisse sei ein früheres Einschreiten unmöglich gewesen. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, also entschied ich mich für ein demütiges, wohlorientiertes ‹Ja, Herr›.
Auf den Gehwegen und in den belebten Kreuzgängen herrschte festliche Sextettabendstimmung. Herr Chang zeigte mir, wie man durch den harschigen Schnee schlurfte, ohne auszurutschen. Schneeflocken fielen auf meine Lider und Nasenflügel. Schaute ich nach oben, hatte ich das Gefühl, in den Himmel hinaufzufallen. Überall wo Professor Mephi auftauchte, wurden die Schneeballschlachten unterbrochen, und die Kämpfer verneigten sich. Ich genoss die Anonymität, die meine Kapuze mir schenkte.
Als wir in einen Innenhof kamen, hörte ich Musik. Es war kein AdV oder Popsong, sondern ein nackter, hallender Klang. Vorstand Mephi bemerkte meine Faszination und sagte, es handele sich um einen Menschenchor. Wir blieben kurz stehen, damit ich der Musik lauschen konnte.
Die Eingangshalle der Eintracht-Fakultät wurde von zwei Vollstreckern bewacht; sie salutierten und nahmen uns die Mäntel ab. Noch nie hatte ich solchen Reichtum gesehen; die Einrichtung war so prunkvoll wie die der psychogenomischen Fakultät spartanisch. Die mit Teppich ausgelegten Flure waren geschmückt mit Iljong’schen Spiegeln, den Urnen der Könige von Scilla und 3Ds von den Helden der Eintracht. Vorstand Mephi zählte sie alle mit Namen auf. Im Fahrstuhl hing ein Kronleuchter; seine Stimme rezitierte die Katechismen der Eintracht, aber Vorstand Mephi befahl ihm zu schweigen.
Der Fahrstuhl öffnete sich in einer der geräumigen, gedämpft beleuchteten, abgesenkten Wohnungen aus den AdVs für Supraschicht-Lifestyle. Inmitten frei schwebender Magnetfeldmöbel stand ein großer
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