Die Ballonfahrerin des Königs
bewegt − Thérésia nickte. «Gut gesprochen. Das Land braucht Visionäre,
die bereit sind, anzupacken, um die Trümmer wegzuschaffen und den Bruderhass zu bezwingen.» Sie legte ihre gepflegte Hand
auf Andrés Ärmel. «Und genauso müssen Sie es ihnen sagen, Monsieur: all den Menschen, die heute Abend gekommen sind. Und ich
bin sicher, Sie werden Erfolg haben bei Ihrer Suche nach Geldgebern!»
André lachte auf. «Mon Dieu, Madame, Sie beschämen mich. Sollte mein edler Diskurs meine niederen Beweggründe so bloßgelegt
haben?»
Sie lachten beide. Marie-Provence betrachtete ihren Geliebten. Auf einmal fragte sie sich, wie wohl die Frau aussah, die ihm
einmal das Jawort geben würde. Überraschend heftig und zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte sie den glühenden Stachel der
Eifersucht.
«Madame Cabarrus, ich danke herzlich für die Einladung.» Der Schopf roter Locken, der sich in Marie-Provence’ Blickfeld schob,
brachte sie auf andere Gedanken. Sehr schön. Saison war pünktlich.
«Sie wissen, ich tue nichts ohne Berechnung», lächelte Thérésia.
Die Lippen des Journalisten zuckten. «Sie werden zufrieden sein. Ganz Paris wird morgen erfahren, wie charmant der Abend und
wie interessant die Gäste waren», gab er zurück.
In der Tat erfreuten sich Thérésias Empfänge großer Beliebtheit in der Stadt. Es gab nicht viele Salons, die bereits wieder
ihre Türen geöffnet hatten. Noch schienen die Menschen nicht glauben zu können, dass die Schreckensherrschaft, dass der Albtraum
der letzten zwei Jahre zusammen mit Robespierre ein Ende gefunden hatte. Doch die Jugend zeigte allen den Weg: Laut und ungeduldig
strömte sie in Scharen in die Theater und Restaurants, auf die Promenaden oder zu den Abenden der charmanten Damen Cabarrus,
Hamelin oder Staël.
|317| Thérésias Courage während des Terrors, ihre aktive Hilfe für Verfolgte, ihre Verhaftung und ihr verzweifelter Appell an ihren
Geliebten aus der Gefängniszelle heraus waren bereits Teil einer Legende, die Thérésia in Mode gebracht hatten. Als man gewahr
wurde, dass sie auch noch blendend aussah, ein Faible für extravagante Kleidung hatte und offen eine Beziehung auslebte, die
eine Ohrfeige an die Prüderie des gestürzten Regimes war, wuchs sie zu einer Ikone der neuen Lebensgier heran.
«Monsieur Saison, Sie werden sich heute noch mehr anstrengen müssen, um mich zufriedenzustellen», forderte Thérésia charmant.
«Hiermit bestelle ich bei Ihnen einen Artikel im
Journal de Paris
– über diesen Herrn hier.» Sie machte Saison mit Marie-Provence und André bekannt.
Als Théophile Saison sich über Marie-Provence’ Hand beugte, drückte er leicht ihre Finger. Nichts in seinem höflichen Gesicht
ließ jedoch erahnen, dass sie noch vor zwei Tagen zusammen in Corteys Keller Pläne geschmiedet hatten.
«Monsieur Levallois braucht spendable Gönner, die ihn, bei seinen Flügen unterstützen», führte Thérésia aus.
Marie-Provence hätte die schöne junge Frau am liebsten in die Arme geschlossen. Thérésia spielte die Rolle, die für sie vorgesehen
war, in Perfektion. Nun hatte der Journalist einen guten Grund, über André einen Artikel zu lancieren, der ihnen baldmöglichst
den erhofften Geldsegen einbringen würde, ohne dabei die Verbindung offenzulegen, die bereits zwischen Saison und Marie-Provence
existierte. Als sie Talliens spöttischen Blick bemerkte, der an André hinabglitt, ging Marie-Provence auf, dass auch er dem
Geplänkel zwischen André und seiner schönen Geliebten nicht ohne zwiespältige Gefühle beigewohnt hatte.
«Was sind das eigentlich für Experimente, die Sie anstreben, Monsieur? Ich fürchte, um wirklich großzügige Freunde zu gewinnen,
brauchen Sie etwas, das spektakulärer ist als die Messung des Luftdrucks in einer Höhe, in die Ihnen keiner folgen kann.»
|318| «Nun, ich dachte da in der Tat an etwas Aufregenderes», antwortete André ruhig. «Wie wäre es mit einem Sprung?»
«Einem Sprung?», fragte Saison und zog eine Braue hoch.
«Was für eine Art von Sprung?», hakte Thérésia nach.
«Es gibt da eine neue Apparatur, die es möglich machen soll, aus der Höhe eines aufgestiegenen Ballons zu springen, ohne dabei
zu Schaden zu kommen. Allerdings hat sie noch niemand ausprobiert.»
Marie-Provence fasste unwillkürlich an ihren Hals.
«Unglaublich!», rief Saison. «Und wie nennen Sie diese Erfindung?»
«Man nennt sie Fallschirm», erklärte
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