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Die Botschaft Der Novizin

Die Botschaft Der Novizin

Titel: Die Botschaft Der Novizin Kostenlos Bücher Online Lesen
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besteht kein Zweifel. Vermutlich ist das Kloster übersät mit Amphoren. Vielleicht bewahrt man es jedes Jahrhundert an einem anderen Ort auf.«
    »Nur der allerletzte Ort ist vergessen worden«, ergänzte der Bibliothekar. »Dieses Wissen ist verloren gegangen. Alles ist verloren ...«
    Wieder hustete er und lief dabei blau an.
    »Donato«, flüsterte seine Schwägerin leise. »Du musst dich schonen.«
    Selbst Isabella, die noch nicht viele Menschen hatte sterben sehen, wurde bewusst, dass der alte Contarini nicht mehr lange zu leben hatte. Diese gelbliche Blässe, die alle Haut durchscheinend machte und so einen Blick auf die Seele im Innersten versprach, war die Farbe des Todes.
    Isabella erhaschte einen zärtlichen Blick der Äbtissin, wie er über das Gesicht des Schwagers glitt. Sie wusste, was ihm bevorstand – und er wusste es vermutlich auch.
    »Jeden Winkel des Klosters haben wir durchsucht. Jede Nische ausgeleuchtet, jeden Gang durchmessen. Wir haben nichts gefunden. Als hätte man das Gemäuer ausgefegt.«
    »Ihr seid der Spur der Zeichen gefolgt?«, fragte Isabella nach. Langsam gewann ein Bild in ihrem Kopf Konturen. Sie hatte etwas übersehen, etwas Bedeutendes missachtet.
    »Ihr meint die Zeichnungen der Initialen?«, schnarrte Donato Contarini. »Francesca, Eure Tante, hatte sie entdeckt. Ja, wir haben diese Spuren verfolgt.«
    »Das meine ich nicht«, sagte Isabella. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken so schnell durcheinander, dass sie ihnen nicht mehr recht folgen konnte. Nur ein Gedanke schwebte über allem, ein Gedanke, der so bedeutsam war, dass er in ihren Verstand hineinleuchtete und versuchte, das Gewirr und die Verschlingungen zu erhellen. »Es geht um etwas anderes!«
    »Wie meint Ihr das, Isabella?«

KAPITEL 59 »Noli me tangere!« , spukte es in ihrem Kopf umher. »Berühre mich nicht!« Sie wusste nicht warum, doch dieser Satz war der Schlüssel.
    Isabella verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte gegen die Decke, als könne sie den Runen der Balkenrisse eine Botschaft entnehmen. Spärliches Licht erhellte die Decke, ein gelbliches, krankes Licht eines Kerzenstummels.
    Sie hatte das Angebot der Äbtissin angenommen und im Palazzo übernachtet. Wohin hätte sie auch gehen sollen? Also hatte sie Marcello nach Hause geschickt und ihn gebeten, sie morgen wieder abzuholen. Obwohl er enttäuscht gewesen war, hatte er nachgegeben. Am liebsten hätte er sie bis in ihre Schlafkammer begleitet. Doch Isabella musste sich erst überihre Gefühle klar werden und wollte sich nicht wieder von ihnen überrumpeln lassen. So wie bei Padre Antonio.
    Das Gebäude knackte und wisperte unter den Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht. Ein Gewirr aus vielerlei Stimmen kroch ihr ins Ohr. Manchmal lief feines Geflüster durch die Balken, als würden sie der Länge nach durchreißen. Dann wieder glaubte sie ein Klopfen zu vernehmen oder ein Schaben und Kratzen. Der Palazzo, obwohl sicher zweihundert Jahre alt, lebte – und er rieb sich an der Lagune und ihrem Wetter.
    Marcello hatte sie verstanden – und jetzt, da sie allein in ihrem Schlafraum im Palazzo Donato Contarinis lag und gegen die Decke starrte, durchflutete sie deshalb eine Liebe zu Marcello, die sie schwindlig machte. Warum hatte sie sich nur so geziert, ihn hierher mitzunehmen?
    Früh waren sie zu Bett gegangen. Der alte Büchersammler erlaubte keine offene Flamme in seinem Haus. Die Angst beherrschte ihn, eine umfallende Kerze oder frisches Kaminholz, dessen Harzeinschlüsse explodierten, könnten seine Papier-und Pergamentschätze in Flammen setzen. Lange lag Isabella wach und dachte über die Ereignisse nach, die in den letzten Tagen über sie hergefallen waren. Dass sie mit Padre Antonios Feuerstein, Messer und Zunder einen Kerzenstummel entzündet hatte, weil sie die Dinge noch von ihrem Abenteuer in der Zisterne mit sich getragen hatte, wussten die beiden Alten nicht. Sie hätten sie deswegen sicher des Hauses verwiesen. Wenig überrascht war Isabella von den verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Donato Contarini und Suor Immacolata. Venedig war eine kleine Stadt, und deren Führungsschicht war noch kleiner. Da blieb es nicht aus, dass man untereinander heiratete, die Vermögen zusammenlegte, teilte, wieder zusammenführte. Wie von einem Fischer geworfen hatte sich das Verwandtschaftsnetz über die Lagunenstadt gesenkt und hielt sie zusammen. Trotz der andauernden Zwistigkeiten, trotzder Machtkämpfe und Intrigen

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