Die Eiserne Festung - 7
Schirmherrschaft zu verhindern suchte, wenn es etwa um Beförderungen ging.
Zum Teil, so vermutete Merlin, lag das daran, dass Eastshare sämtliche seiner Offiziere, einschließlich der bürgerlich Geborenen, als Teil seiner eigenen ausgedehnten Familie ansah. Die Grundlage der ganzen Institution trug einiges dazu bei. Schließlich war die Armee von Chisholm ja seinerzeit ausdrücklich dafür geschaffen worden, den Würgegriff der chisholmianischen Aristokratie zu brechen. Sie war um die Bürgerlichen herum aufgebaut worden, nicht um die Aristokraten; und von so hohem Stand Eastshare auch sein mochte, er hatte keinerlei Schwierigkeiten, sich in diese Tradition zu fügen. Zumindest innerhalb der Army; außerhalb der Army schien er sich mit dem beruflichen Aufstieg der ihm gesellschaftlich Gleichgestellten dank aristokratischer Schirmherrschaft bestens zu arrangieren.
Was Merlin anging, hatte Eastshare offenkundig beschlossen, er falle unter die Bezeichnung ›Soldat‹ - auch wenn er die Taktlosigkeit besessen hatte, außerhalb von Chisholm geboren zu sein. So jedenfalls verhielt sich der Herzog dem Leibgardisten gegenüber. Merlins offizieller Dienstgrad war zwar immer noch der eines Captains, aber Eastshare, der wahrhaftig nicht dumm war, hatte begriffen, dass manche Captains gleicher waren als andere. Insbesondere ein gewisser Captain der Imperial Guard, dem man die Aufgabe übertragen hatte, des Kaisers persönliche Wachabteilung zu befehligen - eben jener Captain, der sich dem zukünftigen Kaiser durch die Verhinderung eines Attentats auf ihn empfohlen hatte. Dieser Captain, der regelmäßig von beiden Ihren Majestäten als persönlicher Kurier und Krisenbewältiger eingesetzt wurde, war offenkundig um ein vielfaches gleicher als andere. Das, so hatte Merlin schon vor einiger Zeit begriffen, war der Grund, warum Eastshare ihn stets als Seijin ansprach und nicht etwa seinen eigentlichen, offiziellen Dienstgrad als Anrede verwendete. Es war vermutlich auch der Grund, warum Eastshare einen Bürgerlichen - und auch noch einen im Ausland geborenen Bürgerlichen - beinahe behandelte, als sei er ihm, einem Herzog Chisholms, gleichgestellt. Nicht ganz, natürlich. Aber doch beinahe.
»Wenn Ihre Majestäten meinen, ein persönliches Gespräch sei nötig, warum leistet Ihr mir dann nicht beim Abendessen Gesellschaft?«, fragte der Herzog nun. »Lady Eastshare befindet sich gerade zu Besuch bei ihrem jüngsten Enkelkind. Sie wird erst morgen zurückkehren. Deswegen hatte ich ohnehin die Absicht, im Hauptquartier zu speisen und dann in meinem Quartier zu nächtigen, statt den ganzen Weg nach Hause zu reiten. Eigentlich wollte ich noch einige Mitarbeiter meines Stabes hinzubitten. Darf ich annehmen, die Natur Eurer Nachricht mache es ratsamer, dass Ihr und ich unter vier Augen bleiben?«
»Das, Euer Durchlaucht«, erwiderte Merlin leise, »wäre vermutlich eine sehr gute Idee.«
»Also, Seijin Merlin«, sagte Eastshare drei Stunden später. »Was nun diese Nachricht betrifft ...?«
Eastshares Ordonnanz hatte noch beaufsichtigt, wie die Diener den Tisch abgeräumt hatten. Dann hatte er Wein nachgeschenkt, die Karaffe neben Eastshares Ellenbogen auf den Tisch gestellt und sich aus dem privaten Speisezimmer neben der Unterkunft des Herzogs in der Zitadelle Maikelberg zurückgezogen. Das Essen war wirklich ausgezeichnet, dachte Merlin anerkennend, und auch der Wein ist gut. Fusionsgetriebene PICAs benötigten keine Nahrung, auch wenn seine künstlichen Organe darauf angelegt waren, aus entsprechend aufgenommenen Lebensmitteln das Material zu extrahieren, das benötigt wurde, um Merlins ›natürlichen‹ Haar- und Bartwuchs zu fördern. Einen Großteil der Nährstoffe würde er später entsorgen müssen. Doch PICAs waren dazu gedacht, dass ihre Besitzer auch in ihren künstlichen Körpern alles das tun konnten, was ihnen der eigene, biologische Körper ermöglicht hatte. Merlins Geschmacksknospen waren vollständig funktionsfähig, auch wenn jeder safeholdianische Heiler in heillosen Wahnsinn verfallen wäre, hätte Merlin ihm zu erklären versucht, wie genau sie funktionierten. Merlin hatte diese Mahlzeit wirklich genossen. Abgesehen vom Tunnelblick, den Eastshare nun einmal besaß, wann immer es um Bürgerliche ging, war er ein aufmerksamer Beobachter mit schneidendem Witz. Daher war das Tischgespräch ebenso angenehm gewesen wie das Essen. Merlin hoffte, das werde sich jetzt nicht gleich schlagartig ändern.
Wird schon
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