Die Eiserne Festung - 7
sich genommen und sie den Tempelgetreuen zugespielt haben. Es sollte mich beispielsweise sehr überraschen, wenn sich nicht schon jetzt Gewehre aus unserer Produktion in Zion befänden. Wir müssen als gegeben hinnehmen, dass alles, was Corisande vor unserer Invasion an Erkenntnissen über unsere Taktik und Bewaffnung zusammengetragen hat, dem Tempel zugetragen wurde. Der Verräter in Eurem Stab kann zwar durchaus gewissen Schaden anrichten, ja. Dennoch sind Ihre Majestäten der Ansicht, der Schaden, den er anrichten könnte, werde durch ... andere Überlegungen mehr als ausgeglichen.«
»Andere Überlegungen!«, wiederholte Eastshare und kniff die Augen zusammen. »Soll ich also davon ausgehen, Seijin Merlin, dass Ihre Majestäten - oh, und nicht zu vergessen Prinz Nahrmahn! - sich eine Strategie zurechtgelegt haben, diesen verräterischen Dreckskerl zu benutzen?«
»Genau das, Euer Durchlaucht.« Merlins Lächeln war nachgerade gehässig. »Wenn Ihr Euren verständlichen Drang, besagtem Offizier die Eier abzuschneiden und sie zu rösten, vielleicht noch ein wenig im Zaum halten könntet, dann könnten wir diesen doch relativ unbedeutenden ›verräterischen Dreckskerl‹ dazu nutzen, einem sehr viel bedeutenderen ›verräterischen Dreckskerl‹ eine Falle zu stellen.«
»Wer hat denn gesagt, ich hätte die Absicht, sie ihm abzuschneiden, bevor ich sie röste?«, fragte Eastshare bissig. Obwohl Nimue Alban als Frau geboren war, verzog Merlin das Gesicht, als er begriff, dass der Herzog es wirklich ernst meinte.
»Mein Fehler, Euer Durchlaucht«, bat er um Verzeihung. »Trotzdem: den Rest meinte ich ernst.«
»Ich verstehe.«
Eastshare ließ sich zurück gegen die Sessellehne fallen. Mit der rechten Hand spielte er am Stiel seines Weinglases, mit der linken trommelte er rhythmisch auf das Leinentischtuch.
»Nun«, fuhr er schließlich fort, »angesichts des Mangels an Subtilität, den man mir allgemein vorzuwerfen beliebt, gibt es für Ihre Majestäten nur einen einzigen Grund, Euch mit dieser Enthüllung zu mir zu schicken: Ich persönlich werde benötigt, damit Ihrer Majestäten Plan, den Verräter als Köder für einen wichtigeren Verräter zu nutzen, auch aufgehen kann. Ansonsten hätten sie es doch wohl vorgezogen, mich überhaupt nichts davon erfahren zu lassen. Nur so wäre ausgeschlossen gewesen, dass ich diesen Verräter in der mir eigenen Subtilität enttarne.« Kurz ließ der Herzog seine Zähne aufblitzen. »Zum Beispiel besäße es durchaus subtilen Hinweischarakter, wenn ich dem Kerl beim nächsten Zusammentreffen den Schädel zerquetsche, als wäre es ein Pickel! Meint Ihr nicht auch?«
»Durchaus.« Merlin beschloss, auf die Bemerkung des Herzogs nicht weiter einzugehen. »Um genau zu sein, gibt es zwei Dinge, die Ihr tun müsst: Zunächst einmal ist Ihren Majestäten wichtig, dass Ihr den Verräter kennt und von dem Plan wisst, in dem er eine wichtige Rolle spielt. Sonst könnte es zu einer dem Plan hinderlichen Reaktion Eurerseits führen, solltet Ihr anderweitig von den Aktivitäten des Verräters Wind bekommen. Ihr würdet ihn ja dann wohl verhaften lassen und den Vorfall Ihren Majestäten umgehend melden.«
Kurz hielt Merlin inne, und Eastshare nickte pflichtschuldigst.
»Zweitens«, fuhr Merlin dann fort, »wünschen Ihre Majestäten, dass Ihr diesem Verräter sogar noch ein wenig behilflich seid.«
Kaum merklich spannten sich die Gesichtsmuskeln des Herzogs an, als wolle er protestieren. Doch das tat er nicht.
Ihr denkt gerade, wer Euch gegebenenfalls dabei beobachtet, wie Ihr dem Verräter ›behilflich‹ seid, wird Euch dann wohl auch für einen Verräter halten, nicht wahr, Euer Durchlaucht?, dachte Merlin. Na, das kann ich Euch nicht verdenken! Dass Ihr unter diesen Umständen nicht sofort protestiert habt, lässt mich noch größere Stücke auf Euch halten!
»Wer ist der Bursche?«, fragte Eastshare stattdessen.
»Graf Swayle, Euer Durchlaucht«, antwortete Merlin leise.
Der Herzog verzog das Gesicht. Schmerz lag in seiner Miene - was nicht überraschend war, wenn man bedachte, wie lange die Familien Thairis und Rahskail einander schon kannten. Überrascht hingegen schien Eastshare nur mäßig.
»Ich hatte mir so etwas schon gedacht. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: Ich hatte so etwas schon befürchtet.« Eastshare sprach noch leiser als Merlin. Bedauernd schüttelte er den Kopf. »In letzter Zeit hält er lieber brav den Mund - vor allem seit dieser Sache in
Weitere Kostenlose Bücher