Die Enden der Parabel
eineinhalb Tonnen Schub, 10 Atmosphären Kammerdruck und 60 Sekunden Brenndauer. Sie erreichten Ausströmgeschwindigkeiten von 1800 Metern pro Sekunde, doch der Wert, den sie anstrebten, lag bei 2000. Es war ihre magische Zahl, und sie meinten es wörtlich. So wie manche Spieler auf dem Aktienmarkt wissen, wann sie Stop-Ordern plazieren müssen, weil ihr Instinkt sich nicht an den gedruckten Ziffern, sondern am Tempo der Kursentwicklung orientiert, aus dem sie mit ersten und zweiten Ableitungen in ihrer Haut erfühlen, wann es einzusteigen, mitzugehen, auszusteigen gilt, so sind die Ingenieursreflexe auf die Möglichkeiten eingepegelt, die sich, in jedem Stadium der Entwicklung, mit den vorhandenen Mitteln aus den existierenden Geräten herausholen lassen - die "machbar" sind. An dem Tag, an dem eine Ausströmgeschwindigkeit von 2000 m/sec machbar wurde, kam das A 4 selbst in Reichweite. Dann lag die größte Gefahr darin, sich von Lösungen verführen zu lassen, die zu raffiniert waren. Keiner war dagegen gefeit. Kaum einer der Konstrukteure, Pökler eingeschlossen, der nicht mit mindestens einem monströsen Entwurf aufwartete, Gorgonenhäuptem, um die sich Leitungen und Röhren wanden, kompliziertem Schnickschnack zur Druckkontrolle, Zylinderspulen auf Schaltventilen vor Zusatzventilen mit Hilfsventilen - Hunderte von Seiten von Ventilnomenklaturen wurden als Anhang zu diesen Ausgeburten gedruckt, die alle riesige Druckunterschiede zwischen dem Inneren des Ofens und der Mündungsöffnung versprachen: schön und gut, solange man keinen allzu großen Wert darauf legte, daß diese Millionen von bewegten Teilen auch verläßlich ineinandergriffen. Wollte man jedoch ein robustes Triebwerk bauen, das die Militärs im Feld als Tötungsmaschine gebrauchen konnten, dann bestand das wesentliche Konstruktionsproblem jetzt darin, die Dinge so einfach wie möglich zu halten. Das Muster, mit dem im Augenblick experimentiert wurde, war das A 3, das die verspielten Techniker nicht mit Sekt, sondern mit flüssigem Sauerstoff getauft hatten. Das Hauptaugenmerk begann sich allmählich von der Triebwerksentwicklung auf das Steuersystem zu verlagern. Die Telemetrie bei den Schießversuchen war noch äußerst primitiv. Thermometer und Barometer wurden zusammen mit einer kleinen Filmkamera in einem wasserdichten Abteil der Rakete verschlossen. Während des Fluges nahm die Kamera auf, wie die Nadeln über ihre Skalen schwangen. Nach dem Aufschlag im Wasser wurde der Streifen geborgen, entwickelt und abgespielt. Die Ingenieure saßen da und sahen sich einen Film aus Zifferblättern an. Zur selben
Zeit wurden auch Modelle der Rakete, die von Heinkel He IIIS aus 7000 Metern Höhe abgeworfen wurden, während ihres Sturzes vom Erdboden aus mit Askania-Kinotheodoliten gefilmt. Bei den täglichen Vorführungen sah man sich die Einzelbilder aus tausend Metern an, wo das massiv eiserne Modell die Schallmauer durchbrach. Seit mindestens zwei Jahrhunderten bestand diese eigentümliche Affinität des deutschen Geistes zum Suggerieren von Bewegung durch eine rasche Folge sukzessiver Einzelbilder - seit Leibniz, als er den Infinitesimalkalkül entwickelte, den gleichen Ansatz gewählt hatte, um die Flugbahnen von Kanonenkugeln aufzulösen. Und nun sollte Pökler den Beweis erhalten, daß diese Techniken, über die Kader des Films hinaus, auf menschliche Leben ausgedehnt worden waren.
Er war um die Zeit des Sonnenuntergangs zu seinem Quartier zurückgekehrt, zu müde oder auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um dem Schmelzofen der Farben in den Blumenrabatten, den täglichen Veränderungen der Konturen des Testgeländes, ja sogar der ungewohnten Stille, die heute auf den Prüfständen herrschte, besondere Beachtung zu schenken. Er roch das Meer und konnte sich beinahe vorstellen, der Bewohner eines
Seebads zu sein, der eben nur selten an den Strand kam. Drüben auf dem Luftwaffengelände startete hin und wieder eine Jagdmaschine, deren Motorenlärm von der Entfernung zu einem sanften Schnurren gedämpft wurde. Eine Abendbrise flackerte vom Meer landeinwärts. Er erhielt keine andere Vorwarnung als das Lächeln eines Kollegen, der ein paar Zimmer neben ihm wohnte und gerade die Stufen des Wohntrakts herunterkam, als Pökler hinaufging. Er betrat seine Kammer und sah sie auf dem Bett sitzen, die Zehen neben einer geblümten Reisetasche einwärts gedreht, den Rock über die Knie hinuntergezogen, ihre Augen ängstlich und schicksalsergeben in die
Weitere Kostenlose Bücher