Die Frau des Apothekers - Sandmann, C: Frau des Apothekers
die Trauerdekorationen gekümmert hast.«
Paulas Gesicht belebte sich, ein Lächeln zuckte um ihre Lippen. In solchen Augenblicken merkte man ihr an, wie sehr sie nach
Anerkennung hungerte. »Ich habe alle nötigen Vorkehrungen getroffen bis zum Begräbnis. Morgen Vormittag wird der Sarg geliefert,
dann kann die Aufbahrung im Theatersaal vorgenommen werden. Raoul hat ja glücklicherweise alles bedacht, aber man muss sich
zuletzt doch um so viele Einzelheiten kümmern, an die ein Mann nicht denkt.«
»Oh, ich weiß, du schaffst das.«
Louise ging der Gedanke durch den Kopf, dass Paula sehr tüchtig sein konnte, wenn sich einmal eine Gelegenheit ergab, denn
ein Begräbnis der ersten Klasse war wie eine Theateraufführung, und obwohl die Bestatter geübte Regisseure waren, musste auch
beim Publikum jeder Schritt sitzen.
»Ich hätte das jetzt einfach nicht geschafft.«
»Du brauchst dich um nichts zu kümmern. Raouls Schwester wird ab morgen hier sein, um die Trauergäste zu empfangen.«
»Danke. Gute Nacht.«
Louise stieg die Treppe hinauf in ihr Boudoir, in das sie sich schon zu Raouls Lebzeiten oft zurückgezogen hatte, wenn sie
über etwas nachgrübelte oder einfach allein sein wollte. Es war nach ihrem persönlichen Geschmack eingerichtet, hell und freundlich,
ganz anders als der düster-pompöse Stil des übrigen Hauses. Die Wände waren mit einem fein gewebten Stoff tapeziert, auf dem
himbeerrote Blüten zu sehen waren. Als Erstes jedoch fiel der Blick auf den offenen Kamin, in demfrüher stets ein wohliges Feuer geprasselt hatte. Davor stand eine Chaiselongue im Muster der Tapete und an der gegenüberliegenden
Wand ein Baldachinbett aus weiß lackiertem Holz. Die Rückenlehne war mit einem weißen Stoff bezogen, der Himmel aus durchscheinendem
Musselin war ebenfalls weiß, während Überwurf und Kissen aus einem Seidenstoff von zartrosa Farbe genäht waren. In einer Ecke
befanden sich neben einem mannshohen Spiegel ein gepolsterter Sessel sowie ein Frisiertischchen mit Hocker. In der anderen
stand schräg ein zierlicher Sekretär aus Mahagoni, der mit Einlegearbeiten aus hellem Holz verziert war. Wenn es um die Wünsche
seiner jungen Gattin ging, hatte sich Raoul Paquin nicht lumpen lassen. Er wollte ihr immer das Beste vom Besten bieten –
allerdings nur, solange dies auch seinem Geschmack und seinen Vorstellungen entsprach.
Das Dienstmädchen hatte vergessen, sich um das Feuer zu kümmern, und das Zimmer war kalt und ungemütlich. Louise trat rasch
an den Kamin und legte neues Holz nach. Es loderte auf. Der jungen Frau lief ein Schauer über den Rücken. Schon seit Raoul
krank geworden war, hatte sie das prächtige Haus als kalt und düster empfunden. Und jetzt? Man konnte noch so viel Holz in
die Öfen und Kamine legen, noch so viele Lampen und Lüster zum Leuchten bringen – mit dem Tod des Apothekers hatte auch das
Haus seinen Glanz, sein Leben eingebüßt.
Sie öffnete weit das Fenster, um durch frische Luft die klamme Kälte zu vertreiben, und blickte hinaus.
Die Straßenlampen entlang der Alster brannten mit hellem Schein, und auch die Häuser waren erleuchtet. Der goldene Glanz aus
ihren Fenstern fiel auf die Straße und das schwarze Wasser. Der Regen des Nachmittags war in einen feinflockigen,kristallenen Schnee übergegangen, den der kräftige Seewind davonblies. Aus einem der Nachbarhäuser drängte soeben eine lustige
Gesellschaft, reichlich beschwipst, wollte man nach ihrem lauten Lachen und Schwatzen und der Anzahl der herumgereichten Champagnerflaschen
urteilen. Als sie ins Licht traten, sah Louise, dass die Leute als Gestalten aus der »Zauberflöte« kostümiert waren: Ein würdiger
Sarastro im goldgesäumten weißen Mantel, eine in flatternden schwarzen Flor gehüllte Königin der Nacht mit einem Diadem, das
bei jeder ihrer Bewegungen Funken zu sprühen schien, Papageno und ein riesiger Mohr mit buntem Turban. Als sie auf die Straße
traten, verstummten sie einen Augenblick angesichts des Trauerhauses nebenan, aber sobald ihre Kutschen vorfuhren, schnatterten
und lachten sie schon wieder vergnügt durcheinander.
Louise hatte zu frieren begonnen. Sie schloss das Fenster und kehrte eilig zurück an das prasselnde Kaminfeuer.
Ein leichter, schneller Schritt ließ sie aufmerken.
»Ich bin erleichtert, dass Sie wieder da sind, Frau Paquin.«
Frederick stand in der offenen Tür. Offensichtlich von Herzen erfreut, dass man sie
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