Die Geisha - Memoirs of a Geisha
herbei, baute sich mit zitterndem Hinterteil unterm Kinn vor mir auf, klopfte mit ihrem gefalteten Fächer mehrmals gegen ihren Oberschenkel, bevor sie ausholte und mir damit einen Schlag gegen den Kopf versetzte.
»Wir stampfen nicht einfach auf, wann es uns einfällt«, tadelte sie mich. »Und wir zucken nicht mit dem Kinn.«
Bei den Tänzen der Inoue-Schule muß das Gesicht in Nachahmung der Masken des No-Theaters absolut ausdruckslos bleiben. Aber daß sie mich ausgerechnet dann tadelte, als ihr eigenes Kinn vor Zorn bebte… nun ja, ich war den Tränen nahe, weil sie mich geschlagen hatte, aber die anderen Schülerinnen lachten laut heraus. Lehrerin Steiß gab mir die Schuld an diesem Ausbruch und schickte mich zur Strafe aus dem Klassenzimmer.
Ich weiß nicht, was in ihrer Obhut aus mir geworden wäre, wenn Mameha nicht schließlich zu ihr gegangen wäre und mit ihr gesprochen hätte, um festzustellen, was wirklich geschehen war. Und so sehr Lehrerin Steiß Hatsumomo bisher schon gehaßt hatte – nachdem sie erfuhr, daß Hatsumomo sie hereingelegt hatte, haßte sie sie bestimmt noch mehr. Erfreulicherweise tat es ihr so leid, mich schlecht behandelt zu haben, daß ich schon bald zu einer ihrer Lieblingsschülerinnen wurde.
Ich will nicht sagen, daß ich irgendein angeborenes Talent gehabt hätte, weder für den Tanz noch für etwas anderes, aber ich war mit Sicherheit fest entschlossen, fleißig und zielstrebig zu arbeiten, bis ich erreichte, was ich mir vorgenommen hatte. Seit ich an jenem Frühlingstag den Direktor auf der Straße kennengelernt hatte, sehnte ich mich nach nichts so sehr wie nach der Chance, Geisha zu werden und mir einen Platz in der Welt zu erobern. Nun, da Mameha mir diese Chance geboten hatte, war ich eifrig darauf bedacht, sie gut zu nutzen. Aber bei all meinen Lektionen, Pflichten und hohen Erwartungen fühlte ich mich während der ersten sechs Unterrichtsmonate völlig überfordert. Danach begann ich kleine Tricks zu entdecken, mit deren Hilfe alles ein wenig glatter lief. Zum Beispiel fand ich eine Möglichkeit, auf dem Shamisen zu üben, während ich Botengänge erledigte, und zwar, indem ich in Gedanken ein Lied sang, während ich mir deutlich vorstellte, wie sich meine Linke auf dem Shamisen-Hals bewegen und wie das Plektrum die Saite schlagen mußte. Dadurch konnte ich, sobald ich das echte Instrument auf den Schoß nahm, manchmal ein Lied gut spielen, obwohl ich es zuvor nur ein einziges Mal gehört hatte. Manche Leute dachten, ich hätte es gelernt, ohne zu üben, in Wirklichkeit jedoch übte ich in allen Gassen und Straßen von Gion.
Um die Balladen und die anderen Lieder zu lernen, die wir in der Schule einstudierten, benutzte ich einen anderen Trick. Von Kindesbeinen an war ich in der Lage, mir ein Musikstück anzuhören und es am folgenden Tag noch gut in Erinnerung zu haben. Ich weiß nicht, warum, es war vermutlich eine Absonderlichkeit meines Gedächtnisses. Also gewöhnte ich mir an, den Text vor dem Schlafengehen auf einen Zettel zu schreiben. Wenn ich dann erwachte, las ich zuerst den Text, während mein Gedächtnis noch weich und aufnahmefähig war. Normalerweise genügte das, doch mit der Musik war es viel schwieriger. Da benutzte ich einen Trick, mir Bilder einzuprägen, die mich an die Melodie erinnerten. Ein Zweig, der von einem Baum herabfiel, erinnerte mich zum Beispiel an den Klang einer Trommel, ein Bach, der über einen Stein strömte, daran, wie man auf dem Shamisen eine Saite greift, damit der Ton höher wird, und das Lied stellte ich mir als eine Art Spaziergang durch eine Landschaft vor.
Aber die größte Herausforderung – und für mich die wichtigste – war der Tanz. Monatelang probierte ich die verschiedensten Tricks aus, die ich entdeckt hatte, aber sie waren mir alle keine Hilfe. Dann wurde Tantchen eines Tages wütend, weil ich Tee auf eine Zeitschrift verschüttet hatte, die sie las. Seltsamerweise hatte ich gerade freundliche Gedanken über sie gehegt, als sie mich anfuhr. Später war ich furchtbar traurig und mußte an meine Schwester denken, die irgendwo in Japan ohne mich lebte, an meine Mutter, die, wie ich hoffte, inzwischen ihren Frieden gefunden hatte, und an meinen Vater, der nichts dagegen hatte, uns zu verkaufen und den Rest seines Lebens allein zu verbringen. Als mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, wurde mein ganzer Körper schwer. Also stieg ich die Treppe hinauf und betrat das Zimmer, in dem Kürbisköpfchen und ich
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