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Die Herrin Thu

Die Herrin Thu

Titel: Die Herrin Thu Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Pauline Gedge
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und watete mit dem Kittel in der Hand rasch an den Steinen vorbei. Mit einer Mischung aus Schreck und Entzücken spürte ich, wie die himmlische Kühle meine Schenkel und meinen Unterleib hochkroch, bis sie meine Brüste streichelte. Ich mußte einfach trinken, als ich untertauchte.
    Ein Weilchen ließ ich mich nur treiben und das Wasser in jede Pore meines Körpers eindringen und den Dreck herausschwemmen, während ich wieder munter und lebendig wurde. Alsdann bemühte ich mich nach besten Kräften, meinen Kittel zu waschen. Ich hatte kein Natron, keine Bürste, nur meine Hände. Als ich genug geschwommen war, kletterte ich ans Ufer, zog mir das tropfnasse Kleid an, das am Körper klebte, setzte mich in den mageren Schatten eines verkrüppelten Akazienbusches und kämmte mir mit den Fingern mühsam das zerzauste Haar. Als es mir einigermaßen ordentlich auf die Schultern fiel, stand ich auf und folgte dem Wasser in Richtung der Kasernen. Jetzt war ich satt und sauber und wollte schlafen.
    Der rückwärtige Teil des Militärbereichs warf schon Schatten, denn die Sonne war bereits über den Zenit gewandert, und ich hielt mich dicht an der Mauer. Auf der anderen Seite hörte ich gelegentlich Streitwagenpferde wiehern, gebrüllte Befehle, dann einen Hornstoß, bei dem ich zusammenfuhr. Das Heer schlug die Zeit mit irgendwelchen Beschäftigungen tot, weil im Land Frieden herrschte. Als ich die riesigen Tore und die gepflasterte Straße erreichte, die hineinführte, überquerte ich diese ohne Zittern und ging weiter. Paiis’ Soldaten waren nicht hier einquartiert, sondern in Kasernen auf der anderen Seite der Stadt. Falls sich nicht alles geändert hatte, wurden hier Prinz Ramses’ Horus- Division und die Seth-Division gedrillt - was man hören konnte, denn es waren zwanzigtausend Mann, die Essen und Trinken und Beschäftigung brauchten, damit aus ihrer Unrast nicht mutwillige Gewalttätigkeit wurde. Ich überlegte, wie viele davon im Wechsel an die östliche und südliche Grenze geschickt wurden und ob der Prinz interessantere Dinge mit ihnen vorhatte, wenn sein Vater erst einmal tot war.
    Flüchtig dachte ich auch an den Pharao, und dabei schwindelte mir. Wie war es nur möglich, daß ich jemals auf seinen kostbaren weißen Laken in jenem großen Schlafgemach unter ihm gelegen hatte, in meiner Nase der Geruch von Weihrauch, Parfüm und seinem Schweiß, während an den goldenen Wänden ringsum Diener taktvoll und unsichtbar auf sein Fingerschnipsen warteten. Ramses! Du Göttlicher König mit deiner Großmut und deiner nicht vorhersehbaren Herzlosigkeit, denkst du manchmal noch an mich, und bedauerst du, daß ich nichts als ein Traum gewesen bin?
    Seit einiger Zeit begleitete mich rechter Hand eine andere Mauer, höher und glatter als die linker Hand, und auf einmal ging mir auf, daß sich hinter ihr der Palast mit seinen Gärten ausbreitete, eine weitläufige Stadt in der Stadt, verboten und umfriedet, die sich quer durch ganz Pi-Ramses erstreckte und auf der anderen Seite am Residenzsee endete. Ich war auf ihren hinteren Teil gestoßen, und wenn ich ein Steinchen über die Mauer warf, würde es gewißlich auf das Zellendach der Nebenfrauen fallen. Ich spitzte die Ohren und lauschte mit einer
    Mischung aus Ekel und Verlangen auf die Geräusche, an die ich mich erinnerte und die mich zuweilen im Schlaf in Aswat verfolgt hatten - Frauenlachen, Harfen- und Trommelmusik -, doch es war die Zeit der Mittagsruhe, da war es still auf dem Gelände. Ich fuhr beim Gehen mit der Hand die Mauer entlang, so als könnten meine Fingerspitzen durch den Stein sehen, was meinen Augen nicht gelang. Saß Hatia, die geheimnisvolle Hatia, noch immer reglos vor ihrer Tür, in schwarzes Leinen gekleidet, neben sich den allgegenwärtigen Krug Wein, hinter sich ihre Sklavin? Waren die beiden kleinen Nebenfrauen aus Abydos, Nubhirma’at und Nebt-Iunu, noch immer ineinander verliebt, und verbrachten sie die Stunde des Nachmittagsschlafes, diese kostbare Stunde, noch immer in inniger Umarmung? Und was war mit der Hauptfrau Ast-Amasereth, deren Stimme rau und honigsüß zugleich klang und die trotz ihrer schiefen Zähne sonderbar anziehend war? Bewohnte sie noch immer die geräumige Wohnung über den Zellen der niederen Nebenfrauen, und verbrachte sie diese Stunde schweigsam auf ihrem prächtigen Stuhl, die vollen, unverschämt rot geschminkten Lippen leicht geöffnet, während sie über ihr kompliziertes Spionagenetz nachdachte, in dessen Maschen

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