Die Herrschaft der Orks
essen.«
»Falsch.« Der fette Ork schüttelte den Kopf. »Du musst für zwei arbeiten, sonst bekommen wir nichts zu essen.«
»Und was wirst du tun?«
»Ich werde Wache halten.«
»Und wann wechseln wir uns ab?«
»Wer hat gesagt, dass wir uns abwechseln?«, schnauzte Rammar. »Jeder tut das, was er am besten kann, und jetzt an die Arbeit!«
Den energischen Worten seines Bruders hatte Balbok nichts entgegenzusetzen. Die wulstigen Lippen schmollend nach vorn gewölbt und dabei leise vor sich hinmurmelnd, trat er vor die Felswand – und begann, mit wuchtigen Hieben darauf einzuschlagen.
Klong.
Klong.
Klong …
Gesteinsbrocken lösten sich und rieselten herab, Staub wirbelte auf, der Rammar in die Augen stieg und sie zum Tränen brachte. Jedenfalls redete der dicke Ork sich ein, dass es der Staub war, der seine blutunterlaufenen Augen feucht werden ließ, und nichts anderes – obgleich er merkte, wie seine Arme und Beine zitterten, während er dasaß und Wache hielt.
Dieser Ort gefiel ihm nicht.
Nicht nur der Tiefe und der Knochen wegen und weil er zur Arbeit gezwungen werden sollte; sondern aus Gründen, die er nicht näher zu benennen vermochte. Irgendetwas hier war anders als in den weiter oben gelegenen Regionen der Zwergenfestung. Wahrscheinlich, sagte er sich, hatten die gierigen Hutzelbärte tatsächlich zu tief gebuddelt und etwas ausgegraben, das lieber in den Tiefen des Berges hätte verborgen bleiben sollen.
»Weißt du, Rammar«, meinte Balbok, während er weiter auf das Felsgestein eindrosch. »Vielleicht ist das alles ja auch nur ein Irrtum.«
»Was meinst du?«
»Vielleicht gibt es gar kein Ungeheuer hier unten. Außer dir natürlich.«
»Sehr witzig. Und was hat die Kerle, deren Überreste dort im Stollen liegen, dann umgebracht?«
»Wer weiß?« Balbok ließ für einen Moment den Hammer sinken und kratzte sich ein wenig ratlos am Hinterkopf. »Vielleicht sind sie es selbst gewesen. Jedenfalls sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben.«
»Du bist ein Schwachkopf«, beschied ihm Rammar ungerührt.
»Karsok?«
»Weil es hier unten keine Hoffnung gibt, ganz einfach.«
»Aber damals in Kal Anar«, beharrte Balbok, »da hast du die Hoffnung doch auch nicht aufgegeben.«
»Da ist ja auch alles gut gegangen«, wandte Rammar entwaffnend ein. »Hier hingegen wissen wir ganz genau, dass wir elend verrecken werden. Oder glaubst du, die Hutzelbärte werden uns je wieder rauslassen?«
Balboks langes Kinn fiel nach unten. Enttäuschung sprach aus seinen blassgrünen Zügen, die Ausweglosigkeit ihrer Lage schien ihm erst jetzt wirklich aufzugehen. »Und ich habe immer gedacht, wir wären die Helden dieses Abenteuers. Dass man irgendwann Lieder über uns singen, dass man am Lagerfeuer Geschichten über uns erzählen und sie in Büchern aufschreiben würde.«
Rammar seufzte. »Hast du dir diese Schnapsidee noch immer nicht aus dem Kopf geschlagen?«
»Jede Geschichte hat ihre Helden«, beharrte Balbok.
» Korr – nur weiß man leider nie, wessen Geschichte erzählt wird. Vielleicht ist dies ja auch die Saga des jungen Milchgesichts und seiner Prinzessin, und wir sind darin nur Beiwerk, der mutige Orkrieger und sein behämmerter dürrer Bruder.«
»Aber Rammar!«
»Was?«
»So dürr bist du doch gar nicht«, wandte Balbok grinsend ein.
»Sehr witzig.« Rammar schnitt eine Grimasse, die seine grünen Züge im spärlichen Licht geradezu geisterhaft verzerrte. Oder vielleicht«, fügte er düster hinzu, »hat die Geschichte des verdammten Elfenweibs in Wirklichkeit ja auch nie aufgehört, und wir stecken noch immer mittendrin.«
Er musste an den Traum denken, den er gehabt hatte und in dem ihm Alannah erschienen war.
Und an das Buch.
Der Gedanke, dass es nun nicht vernichtet und ihre Insel schon bald entdeckt würde, hatte zugleich etwas Erschreckendes und etwas Tröstliches. Erschreckend deshalb, weil es bedeutete, dass die Herrschaft der Orks dann zu Ende war – tröstlich, weil, wenn Rammar schon nicht König sein durfte, es auch kein anderer Ork werden würde. Rammar musste auch an das denken, was die Elfin ihm in jener Vision verkündet hatte, über Erdwelt und das Reich und die Vergangenheit und …
Sein Kopf begann zu dröhnen, alles wurde zunehmend verwirrender. Obwohl er auf dem Felsen saß und Balbok beim Arbeiten nur zugesehen hatte, verspürte er das dringende Bedürfnis nach einer Pause. Den Hammer, den er quer über den Knien gehabt hatte, ließ er fallen, sodass er
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