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Die Hofnärrin

Die Hofnärrin

Titel: Die Hofnärrin Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philippa Gregory
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Umhang
übergelegt, denn Will war bei jedermann beliebt.
    Ich setze mich neben ihn auf die Bank und überlegte, ob ich
ihn aufwecken sollte.
    Ohne die Augen zu öffnen, begann er zu sprechen: »Was für
Narren wir beide doch sind – wochenlang getrennt und reden
kein einziges Wort miteinander.« Dann setzte er sich auf und umarmte
mich.
    »Ich habe gedacht, du schliefest«, sagte ich.
    »Ich habe dich getäuscht«, antwortete er würdevoll. »Ein
schlafender Narr ist nun mal witziger als ein wacher Narr. Besonders an
diesem Hofe.«
    »Warum?«, fragte ich argwöhnisch.
    »Niemand lacht mehr über meine Späße«, erklärte er. »Also habe
ich probiert, ob sie über mein Schweigen lachen. Und da sie anscheinend
einen schweigenden Narren vorziehen, kann ich ebenso gut schlafen. Wenn
ich schlafe, merke ich ja nicht, ob sie lachen oder nicht. So kann ich
mich damit trösten, dass ich immer noch sehr spaßig bin. Ich träume von
meinen Scherzen und wache lachend auf. Ist das nicht klug ausgedacht?«
    »Sehr klug«, stimmte ich zu.
    Er sah mich forschend an. »Die Prinzessin ist da, nicht wahr?«
    Ich nickte.
    »Krank?«
    »Furchtbar krank, glaube ich.«
    »Die Königin könnte ihr eine Sofortkur für alle ihre Schmerzen
verschreiben. Sie ist die reinste Chirurgin geworden, Spezialität
Amputationen.«
    »Gott behüte, dass es nicht dazu kommt«, beeilte ich mich zu
sagen. »Aber Will, sag mir – wie ist Robert Dudley gestorben?
Ist es rasch gegangen, hat er nicht allzu sehr leiden müssen?«
    »Der lebt noch«, antwortete Will. »Obwohl es unglaublich ist.«
    Mein Herz machte einen Sprung. »Mein Gott, sie haben mir
gesagt, er wäre geköpft worden.«
    »Beruhige dich«, sagte Will. »Leg deinen Kopf auf die Knie.«
    Wie aus weiter Ferne vernahm ich seine nächste Frage: »Jetzt
besser? Wird das kleine Mädchen von Ohnmachten geplagt …«
    Ich richtete mich wieder auf.
    »Und nun wird sie über und über rot«, bemerkte Will. »Wirst
bald die Hosen ablegen müssen, wenn das Blut so pulsiert, mein kleines
Mädchen.«
    »Weißt du ganz genau, dass er lebt? Ich dachte, er wäre tot.
Sie haben mir gesagt, er sei tot.«
    »Er sollte tot sein, bei Gott! Von seinem Fenster aus hat er
zugesehen, wie sein Vater und sein Bruder und seine arme Schwägerin
hingerichtet wurden, und hockt immer noch in seiner Zelle. Mag ja sein,
dass sein Haar vor Entsetzen weiß geworden ist, aber sein Kopf sitzt
immer noch auf den Schultern.«
    »Er lebt?« Ich konnte es immer noch nicht glauben. »Du bist
dir ganz sicher?«
    »Im Augenblick ja.«
    »Könnte ich ihn besuchen, ohne dass ich in Schwierigkeiten
gerate?«
    Will lachte. »Die Dudleys bringen immer Schwierigkeiten mit
sich«, erwiderte er.
    »Ich meine, könnte ich ihn besuchen, ohne unter Verdacht zu
geraten?«
    Er schüttelte den Kopf. »An diesem Hofe ist es düster
geworden«, bekannte er traurig. »Niemand kann einen Schritt machen,
ohne sich verdächtig zu machen. Darum schlafe ich ja meist. Im Schlaf
kann ich keiner Komplotte angeklagt werden. Und ich habe einen
unschuldigen Schlaf. Ich passe auf, dass ich nicht träume.«
    »Ich will ihn doch nur sehen«, flehte ich, unfähig, meine
Sehnsucht zu unterdrücken. »Nur sehen und wissen, dass er am Leben ist
und am Leben bleiben wird.«
    »Er ist wie alle Menschen«, meinte Will. »Sterblich. Ich kann
dir versichern, dass er heute noch am Leben ist. Aber wie lange noch,
weiß ich nicht. Damit musst du dich zufriedengeben.«

Frühling
1554
    I n den folgenden
Tagen wanderte ich zwischen
den Gemächern der Königin und Lady Elisabeths Zimmern hin und her, doch
nirgends fühlte ich mich wohl. Die Königin zeigte sich wortkarg und
entschlossen. Sie wusste, dass Elisabeth den Tod wegen Hochverrats
verdient hatte, konnte es jedoch nicht über sich bringen, die junge
Frau in den Tower zu schicken. Der Kronrat verhörte die Prinzessin: Man
war sicher, dass sie in die Verschwörung eingeweiht war, dass sie sogar
die Hälfte des Plans selbst ersonnen hatte, dass sie Ashridge im Norden
für die Rebellen offen gehalten hätte, während diese London von Süden
her einnehmen sollten, und dass – dies war das
Schlimmste – sie um Unterstützung aus Frankreich nachgesucht
hatte. Nur dank der Loyalität der Londoner Bürger und dem Umstand, dass
die Prinzessin in Haft war, saß die Königin noch auf dem Thron.
    Obgleich sie von allen Seiten bedrängt wurde, zögerte die
Königin noch, Elisabeth des Verrats anzuklagen. Sie fürchtete

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